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Alt 12.05.2008, 20:39   #74 (Permalink)
Pianoman
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Standard AW: Argumente der Esoteriker und Wissenschaftsfeinde; und wie man sie widerlegt - Dieser Beitrag ist 56 Tage alt

@Katzograph

Zitat:
Wenn ich das nun richtig verstehe, geht es darum dass bestimmte Phänomene wie die Geschichte von Rumpelstilzchen allenfalls als akademische Diskussion aus reinem Spaß an der Freude taugen, also von vornherein für eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung nicht geeignet sind, weil sie nur Unsinn darstellen.


Als Prinzip richtig erkannt.
Die Behauptung, dass Rumpelstilzchen existierte, gehört in die große Zahl von Behauptungen, die sich ganz grundsätzlich einer Widerlegbarkeit entziehen; und damit der wissenschaftlichen Diskussion. In der Bibliothek dieser Behauptungen findet man den Osterhasen, den Weihnachtsmann, Frau Holle, sämtliche Aliens der Esoterik, die Akasha-Chronik oder den nichtmateriellen, unsichtbaren Drachen, der in der Garage des Nobelpreisträgers Carl Sagan (1) lebte, und von diesem als Beispiel in erkenntnistheoretischen Diskussionen benutzt wurde.

Alle die obengenannten Behauptungen sind Existenz-Aussagen. Diese Art von Aussagen benötigen nur ein reales Beispiel, um sie zu beweisen. Das führt dazu, dass von den Verfächtern solcher Thesen immer behauptet werden kann, dass "die Aussage zwar noch nicht bewiesen sei, aber die Wissenschaft dieses leisten könne, wenn sie denn nur richtig suchen würde". Widerlegbar sind solche Aussagen grundsätzlich nicht. Denn: "Wer weiß schon, was die Wissenschaft noch an Beweisen bringt, wenn sie nur richtig sucht?"

Wir befinden uns also in einem erkenntnistheoretischem Dilemma.
Das besteht darin, dass sich bestimmte Aussagen über die Welt, die Existenz-Aussagen, bezüglich ihre Wahrheitsgehalts offenbar nicht prüfen lassen.
Wir konnten als Kinder zwar unsere Eltern bei Verstecken der Ostereier im Garten ertappen, jedoch ist dadurch nicht die grundsätzliche Existenz des Osterhasen widerlegt; denn der könnte ja möglicherweise gerade im Stau auf der A2 festhängen.

Andere Aussagen aber lassen sich prüfen. Aus der Relativitätstheorie lässt sich mathematisch die Behauptung ableiten, dass Licht (beispielweise das von Fixsternen) durch die Gravitation großer Himmelskörper abgelenkt wird. Diese Aussage ist präzise überprüfbar, was Eddington (und ein Vielzahl weiter Physiker) auch tat. Hätte Eddington, oder irgendjemand sonst, bei der Prüfung festgestellt, dass die Aussage nicht stimmt, hätte Einstein ein gravierendes Problem gehabt. Aber bis heute wurde Einsteins Aussage bestätigt, immer. Jedoch nur eine einzige Widerlegung brächte das ganze Theoriegebäude zu wanken, wenn nicht zum Einsturz.

Aussagen solcher Art, wie sie aus der Realtivitätstheorie abzuleiten sind, gehören in die Kategorie "Allgemeine Aussagen" (Allaussagen). Ihnen eigen ist die Überprüfbarkeit durch die grundsätzliche Möglichkeit, sie zu widerlegen.

Es scheint also, als sei die Art einer Aussage das wesentliche Kriterium für deren Fähigkeit, uns die Welt zu erklären.

Diese Erkenntnis führte dazu, dass Anforderungen entwickelt wurden, die an Theorien gestellt werden, um deren Validität sicher zu stellen. Diese Anforderungen, vornehmlich von Karl Popper (2) entwickelt, sind die Werkzeuge aufgeklärten Denkens, nach denen Weltmodelle geprüft werden können. Ihr zentraler Gedanke ist die Möglichkeit der Widerlegbarkeit, dazu addieren sich einige weitere Elemente. Da diese Prüfkriterien, nicht nur in hier in diesem Forum schon oft erörtert wurden, liste ich sie nur noch stichpunktartig auf:
Falsifizierbarkeit, Kausalität, innere Konsistenz, experimentelle Nachvollziehbarkeit, Intersubjektivität, Widerspruchsfreiheit zu schon geprüften Modellen, Zirkelfreiheit etc.

Erst wenn eine Behauptung diese Kriterien erfüllt bzw. diesen Anforderungen standhält, kann man davon ausgehen, dass sie geeignet ist, unser Wissen um die Welt zu bereichern.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen:

Wenn Paläoanthropologen heute -zusammengefasst - feststellen, dass die Hominisation- also die biologische und kulturelle Entwicklung der Gattung Mensch - ein evolutionärer Prozess war, der, initiiert durch zufällige Veränderungen des Erbguts, durch genetische Rekombination und durch natürliche Auslese-Prozesse, aus schimpansenähnlichen Vorfahren neue Zweige des Stammbaums der Arten hervorbrachte, wobei aus einem davon der Homo sapiens hervorging, dann übersteht diese Theorie die Prüfung mit dem obengenannten Werkzeug ziemlich erfolgreich.

Nun wenden Sie mal die gleichen Prüfkriterien für tragfähige Welterklärungen, auf die folgende Aussage von Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, zu dessen Sichtweise der menschlichen Entwicklung an:

"Es wäre irrtümlich, wenn man glauben wollte, dass alles, was sich an Organen im gegenwärtigen Menschenleib befindet, schon auf dem Saturn veranlagt worden wäre. Das ist nicht der Fall. Es sind vielmehr vorzüglich die Sinnesorgane innerhalb des Menschenleibes, die ihren Ursprung in diese alte Zeit zurückversetzen dürfen. Es haben die ersten Anlagen zu Augen, Ohren u.s.w., die auf dem Saturn als mineralische Körper so sich bildeten wie etwa jetzt auf der Erde die "leblosen Kristalle" einen so alten Ursprung; ihre gegenwärtige Form aber haben die entsprechenden Organe dadurch erhalten, dass sie sich in jeder der folgenden planetarischen Zeiten immer wieder zu höherer Vollkommenheit umbildeten. Auf dem Saturn waren sie physikalische Apperate, nichts weiter.
Auf der Sonne sind sie dann umgebildet worden, weil ein Äther- oder Lebensleib sie durchdrang.
Sie wurden dadurch in den Lebensprozess einbezogen. Und zu ihnen kamen diejenigen Glieder des menschlichen physischen Leibes hinzu, die sich überhaupt nur unter dem Einfluss eines Ätherleibes entwickeln konnten: die Wachstums-, Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane. Selbstverständlich gleichen die ersten Anlagen dieser Organe, wie sie sich auf der Sonne herausbildeten, wieder nicht an Vollkommenheit der Form, die sie gegenwärtig haben. Die höchsten Organe, welche sich der Menschenleib damals eingliederte, indem physischer Körper und Ätherleib zusammenwirkten, waren diejenigen, welche sich in der Gegenwart zu den Drüsen ausgewachsen haben. So ist der physische Menschleib auf der Sonne ein Drüsensystem, dem die auf der entspechenden Stufe stehenden Sinnesorgane eingeprägt sind. Auf dem Mond geht die Entwicklung weiter. Zu dem physischen Körper und dem Ätherleib kommt der Astralleib hinzu. (...)" (3)

Keine der Aussagen Steiners überlebt die Anforderungen an eine verifizierbare Theorie.
Das Erstaunliche an den absurden Steinerschen Weltvorstellungen ist, dass deutsche Krankenkassen, Medikamente bezahlen, die aufgrund dieser abwegigen Vorstellung zu Entwicklung und Herkunft des Menschen basieren.

Diese Beispiel zeigt deutlich, dass unser Denken in einem gewaltigen Maß anfällig für Irrtümer ist, solange nur die Erklärungen eine vermeindliche Logik aufweisen, oder, was wenigstens genau so häufig vorkommt, der Erklärende mit einem entsprechenden Nimbus ausgerüstet ist, also eine unangreifbare "Autorität" darstellt.
Genau so wird deutlich, wie wichtig es ist, unserer Erkenntnisse über die Welt skeptisch zu überprüfen.
Nur die Überprüfbarkeit stellt sicher, dass wir nicht in Irrtum und Aberglaube verhaftet bleiben.

Zitat:
Wieviele positive Untersuchungen schlagen wieviele negativen Untersuchungen ?


Diese Frage ist im Grunde falsch gestellt.

1. Für ein "echte" wissenschaftliche Theorie gilt ganz einfach, dass ihre Aussage richtig ist, bis sie widerlegt wurde; wobei ich darauf hinweisen möchte, dass unserer heutigen wissenschaftlichen Aussagen sich als außerordentlich stabil erweisen. Aber im Prinzip reicht eine Widerlegung, um die Theorie zu kippen. (wie oben im Zusammenhang mit der Graviatation/Relativitätstheorie erwähnt)

2. Solange es zu bestimmten Phänomenen positive und negative Aussagen gibt, ist das Phänomen nicht geklärt. Denn grundsätzlich gilt: Eine Theorie bzw. ihre Aussage über ein Phänomen ist entweder richtig oder falsch. "Sowohl als auch" geht nicht.

3. Wenn grundsätzliche Fragen nicht zu klären sind (Existenzaussagen), wird beispielweise im Bereich komplementärmedizinischer Verfahren häufig versucht, die Verfahren über Wirksamkeitsnachweise zu führen. Hier stellt sich dann möglicherweise, wenn auch unbegründet, ihre Frage.

Dazu ein Beispiel:

Wen wir die Theorie der Akupunktur (als Verfahren der Traditionellen chinesischen Medizin - TCM) nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilen, treffen wir entweder auf Existenz-Aussagen, die sich der Widerlegbarkeit entziehen (Universelle Energie / Qui), oder, bei genügen genauer Formulierung bestimmter Thesen, auf deren Widerlegung (Fließrichtung des Blutstroms).

Um die Akupunktur zu retten, flüchten sich deren Vertreter aus der Diskussion um die Validität der Grundannahmen in die Diskussion über die praktische Wirksamkeit des Verfahrens.
Diese wird mit Hilfe von statistischen Untersuchungen geführt. Statistische Untersuchungen sind jedoch äußert abhängig von willkürlich festgelegten Kriterien. Diese wirken sich kausal auf die Signifikanz der Studie aus. In der Statistik heißen Unterschiede oder Zusammenhänge signifikant, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Zufall zustande kommen, gering ist.

( Durch entsprechendes Studiendesign lassen sich die Ergebnisse, die zur Signifikanz einer Aussage führen, ziemlich stark manipulieren. Der Weg dazu führt über modifizierte Randbedingungen. Passt mein Untersuchungsergebnis nicht, modifiziere ich. Deshalb gewinnen Aussagen, die mit Hilfe statistischer Methoden gewonnen werden, ihre Aussagekraft erst durch ein hieb- und stichfestes Studiendesign. Daran mangelt es den meisten komplementärmedizinischen Verfahren massiv. Aber das nur am Rande. )

Um die Frage nach der Wirksamkeit der Akupunktur -aufgrund äußerst widersprüchlicher Ergebnisse verschiedener Studien- zu klären, fertigte der AOK-Bundesverband die fast schon legendäre Akupunktur-Studie an. Das Ergebnis ist bekannt: Etwa 50 % der Patienten, die eine subjektive Verbesserung ihres Schmerzsituation feststellten, wurden nach den Regeln der TCM behandelt. Fast die gleiche Zahl erlebte diese Wirkung als Folge einer Behandlung, bei der ausdrücklich nicht nach den Regeln der TCM die Nadeln gestochen wurden. Insgesamt brachte aber die Akupunktur nur etwa 50% der Patienen eine Besserung ihrer Befindlichkeit, sie versagte also bei jedem 2. Patienten.
Würde man nun diese Studie bei anderen Indikationen, die mit dauerhaftem Schmerzen einhergehen, anfertigen, käme man wahrscheinlich, mit wechselnden Gewichtungen, insgesamt zu ähnlichen Ergebnissen.

Hier haben wir also die von Ihnen beschrieben Situation, dass sich positive und negative Studienergebnisse in etwa die Waage halten. Wie kommt man nun zu einer Entscheidung ?

Ein sinnvoller Weg ist, die Fragestellung aufgrund der Ergebnisse zu verändern, besser noch, zu differenzieren. Beispielsweise bietet sich in diesem speziellen Fall an, zu untersuchen...

...ob die Leitbahnen (Meridiane) physiologische und funktionelle Realität oder nur Hypothesen sind ?
...ob mit dem Stechen und Stimulieren der Nadeln ein „Qi“ zu beeinflussen ist, oder ob es sich bei der Wirkung nur um neurophysiologische Reize handelt ?
...ob die funktionellen Kategorien der Akupunktur empirisch fundierte und klinisch nutzbare Punktegruppen darstellen?
...ob für eine erfolgreiche Akupunkturbehandlung tatsächlich eine Diagnostik nach TCM-Kriterien erfolgen muß ?
...ob die YinYang-Lehre und die 5-Elemente-Lehre (5-Phasen-Lehre, wuxing ) nicht ausschließlich metaphysische Vorstellungen sind und letztlich klinisch nicht die geringste Relevanz haben ?

Und schließlich wird man wieder an Punkten angelangen, an denen die Entscheidung über fundamentale Aussagen -falsch/richtig- getroffen werden können.

Aber weil ich vorhin die modifizierten Randbedingungen erwähnte: Sie sind ein beliebtes Stilmittel in esoterischen Argumentationen im Zusammenhang mit Existens-Aussagen, weil Sie 1. über die Randbedingung von der eigentlichen Frage ablenken können, und 2. eine Entscheidung über den Wahrheitsgehalt einer Aussage durch geschickte Modifikation unmöglich werden lassen.

Der Philosoph Hilray Putnam (4) hat in seiner "Dämonentheorie Nr. 16" diesen Vorgang beschrieben:

"Ich behaupte, wenn ich 16 x auf den Tisch klopfe, erscheint ein Dämon.
Testen Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 17 lautet:
Wenn man 17 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Testen Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 18 lautet:
Wenn man 18 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Testen Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 19 lautet:
Wenn man 19 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Testen Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 20 lautet:
Wenn man 20 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Testen Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 21 lautet:
Wenn man 21 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Test Sie´s mal ! Kein Dämon erschienen ?
Dann modifiziere ich meine Theorie: Dämonentheorie Nr. 22 lautet:
Wenn man 22 x auf den Tisch klopft, erscheint ein Dämon.
Test Sie´s mal !
usw.

Zitat:
Wer entscheidet was ein (bekanntes) untersuchungswertes Phänomen ist ?


Ganz lapidar: Jeder kann das erforschen, dem sein Interesse gilt. Wer sollte Sie daran hindern, im Rahmen Ihrer Heilertätigkeit ein Forschungsvorhaben durchzuführen ? Sie können Ihre Tätigkeit dokumentieren, Hypothesen zu Wirkungsweisen formulieren, diese untersuchen; und schließlich auch die Ergebnisse veröffentlichen. Niemand wird Sie daran hindern. Wenn Sie gut sind, winkt der Nobelpreis.

Aber dort, wo im Bereich öffentlicher, akademischer Forschung Steuergelder für Forschungsvorhaben vergeben werden, existieren natürlich gesetzliche Regelungen und Institutionen, die diese Vergabe durchführen, und somit auch die Richtung von Forschung bestimmen.
Daneben existieren natürlich auch nichtakademische Forschungseinrichtungen, die meist als Stiftungen auftreten, und Erkenntnissuche nach ihrer individuellen Bedürfnislage durchführen.
Letztendlich reflektiert aber die Gesamtheit der Forschungslandschaft fast alle Interessensbereiche des Menschen.

Zitat:
Wann ist ein Phänomen ein solches ?


Ein Phänomen ist ein mit den Sinnen (unterstützt durch technische Hilfsmittel) wahrnehmbares einzelnes Ereignis. Phänomene sind also Bestanteil der realen Welt, über die wir qualitative und quantitative Aussagen tätigen können, die verifizierbar sind. Im Gegensatz dazu existieren Aussagen, die nicht die beobachtbare Welt zum Inhalt haben, also metaphysische Aussagen, die sich mit beispielsweise mit der Existenz von Göttern beschäftigen. Diese Aussagen sind nicht verifizierbar.

Zitat:
Was, wenn die Untersuchungen keine Klärung bringen?


Dann forscht man, bis man´s irgendwann weiß.

Zitat:
Ist das Phänomen dann keines mehr, bis in 20 oder 30 Jahren doch eine Erklärung gefunden wird?


Wie kommen Sie denn darauf ?

Nehmen Sie mal diese Aussage:

“Es ist unmöglich, einen Kubus in zwei Kuben zu teilen oder ein Biquadrat in zwei Biquadrate oder irgendeine Potenz in zwei Potenzen gleichen Grades.

In mathematischer Sprasche ausgedrückt: Die n-te Potenz einer Zahl, wenn n > 2 ist, kann nicht in die Summe zweier Potenzen des gleichen Grades zerlegt werden.
Gemeint sind ganze Zahlen (außer 0) und natürliche Potenzen.

Das ist der Große Fernmatsche Satz (Fermatsche Vermutung), formuliert vor mehr als 300 Jahren. Vermutung deshalb, weil Pierre de Fermat (1601-1665) zwar einen Hinweis darauf lieferte, das er den Beweis für die Aussage gefunden hatte, jedoch leider nicht den Beweis als solchen hinterlies.
Im Juni 1993 verbreitete sich die Nachricht “Andrew Wiles hat die Fermatsche Vermutung bewiesen” in Windeseile um den ganzen Erdball. Kurze Zeit wurde aber deutlich, dass eine Lücke im Beweis gab. Tatsächlich stellte sich heraus, dass im Beweis geradezu ein Abgrund vorhanden war. Aber bereits ein Jahr später gelang es dem Engländer Wiles mit Hilfe seines Schülers Richard Taylor, diesen zu schließen und damit wohl endgültig die berühmteste unter den mathematischen Vermutungen zu beweisen.

In der Zwischenzeit aber, also in einem Zeitraum von 3 Jahrhunderten, hatten sich ungezählte Mathematiker, darunter so große Wissenschaftler wie Leonhard Euler (1707-1783), Eduard Kummer (1810-1893), oder Friedrich Gauß (1777-1855), mit der Lösung dieses Problems beschäftigt. Alle haben letztlich einen kleinen Teil zur endgültigen Lösung beigetragen, und wenn dieser Teil auch nur aus einem fehlerhaften Weg bestand, der dann für die Zukunft vermieden werden konnte.

Zitat:
Mit diesen Fragen, (...) möchte ich schon in Erfahrung bringen, wie unvoreingenommene Wissenschaft funktioniert.


Ich bin jetzt über jedes Stöckchen gesprungen, dass Sie mir hingehalten haben, katzograph. Jetzt tun wir mal Butter bei´n Fisch.

Zuerst einmal ist Ihre Zuordnung des Adjektivs zum Substantiv falsch. Voreingenommenheit -als Vorstufe des Vorurteils- ist eine ohne Würdigung sämtlicher Umstände vorab vorgenommene Wertung eines Sachverhalts; und damit ein Aspekt menschlicher Meinungsbildung. Voreingenommen (oder unvoreingenommen) können demnach nur Wissenschaftler sein. Nun sind Wissenschaftler als Menschen genau so anfällig für Irrtümer und Eitelkeiten. Sie sind auf der Suche nach Selbstbestätigung und damit natürlich anfällig für Selbsttäuschung und Selbstbetrug; und manchmal auch für Fremdbetrug.
Das alles ist (auch Wissenschaftlern) bekannt, und zeigt höchstenfalls menschliche Schwächen und fragwürdige Charakterzüge. Nicht umsonst wies der Nobelpreisträger Richard Feynman (5) 1974 in einer seiner legendären Vorlesungen am Caltech seine Studenten daraufhin, dass Wissenschaftler zuallererst vermeiden müssten, sich selbst zu täuschen, wenn sie verhindern wollten, zu Cargo-Kult-Wissenschaftlern (xxx) zu werden. Außerdem müssten sie bereit sein, ihre eigenen Theorien und Resultate in Frage zu stellen und nach möglichen Schwachstellen in einer Theorie oder einem Experiment zu suchen.

Und an der Stelle setzt ein, was letztlich wissenschaftliches Denkens ausmacht: Nämlich die Prüfung von Vermutungen mit einem Repertoire an Werkzeugen und Methoden. Wissenschaft ist im Grunde nichts anderes als die Anwendung von Testverfahren zu Hypothesen.


Nach dem Ende der römischen Antike und nachfolgend fast 1000 Jahren geistigem Stillstand, wurde im 15. Jhdt. in Europa die Neuzeit eingeleitet. Dieser Entwicklungsprozess unserer Zivilisation ist unter anderem eine Folge bestimmter technischer Entwicklungen, die die Fähigkeiten der menschlichen Sinnesorgane enorm erweiterten. Besonders optische Geräte wie Fernrohre oder die vonAntony van Leeuwenhoek (1632-1723) hergestellten, technisch hevorragenden Mikroskope lieferten Einblick in Dimensionen, die dem Menschen bis zu dahin nicht zugänglich waren. In einem verhältnismäßig kurzem Zeitraum wurde das spätmittelalterliche Weltbild geradezu radikal geschliffen.

Es ist unübersehbar, dass die Entwicklung von Techniken und Arbeitsmethoden ein unglaublich erfolgreiches Vorgehen war, unsere Vorstellungen über die Welt zu erweitern und zu überprüfen, nicht mehr einfach nur metaphysische Erklärungen zu akzeptieren, sondern zu prüfen. Das ist die große Leistung, die weit über den naturwissenschaftlichen Bereich hinaus ging, weil sie Emanzipation bedeutete: Bruch von Hierarchien, Entkräftung von klerikaler oder weltlicher Autorität und Macht durch die Objektivierung von Wissen.
Natürlich war die Entwicklung - beispielsweise von den genannten optischen Istrumenten - nicht vom Motiv getragen, die damalige Kirche und ihre alleinigen Welterklärungsanspruch zu widerlegen. Aber letztlich waren auch die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu Beginn der Neuzeit nur die unausweichliche Folgeerscheinung einer geistigen Evolution, die zielgerichtet erkannte Naturgesetze nutzte, um beispielweise durch die Konstruktion von technischen Artefakten das menschliche Sensorium zu Erkenntnis der Welt zu erweitern. Dass sich in diesem Zusammenhang auch die Kriterien entwickelten, nach denen Welterklärungsmodelle geprüft werden können, ist zwangsläufig.

Und wie großartig und erfolgreich diese Verfahren waren, können Sie, Katzograph, nicht zuletzt daran erkennen, dass Sie jetzt vor einem PC sitzen, und meine Mitteilungen lesen können und Ihre eigenen schreiben. Dass Sie überhaupt Bildung erreichten, und nicht gezungen sind, sich mit den Erklärungen Ihres Ortspfaffen oder Ihres Landesfürsten zufrieden zugeben, dass Sie die Mondlandung miterleben konnten und mit einem Auto raffinierte fossile Biomasse vergeuden können.
Sie krepieren auch nicht mehr an einem vereiterten Backenzahn und erachten es als selbstverständlich, dass nicht 5 von 10 Kindern die ersten Lebensjahre nicht überlebten, wie es vor wenigen hundert Jahren noch der Fall war, sondern die Kindersterblichkeit in Deutschland derzeit bei etwa bei 4,5 Todesfällen je 1000 Lebendgeburten liegt. Außerdem werden Sie wahrscheinlich etwa 80 Jahre alt.
Dank Wissenschaft und Wissenschaftlern.


Und dann kommen Sie, katzograph, verkünden in einem medizinischen Forum, Sie seien Heiler, und könnten durch Handauflegen beispielsweise den Insulinbedarf eines Diabetikers erheblich reduzieren, haben aber keine Erklärung, wie das geht.
Sie machen sich auch keine Mühe, zu erruieren, dass der Insulinbedarf erheblich abhängig vom Stress des Diabetikers ist, dass Stresshormone Insulin-anatgonistische Effekte (6) haben, und eine Reduzierung psychischen oder physischen Stresses auch den Insulinbedarf senkt.
Nun ist die Reduzierung von Stress gewiss nicht das Ergebnis übersinnlicher Einflußnahme, sondern beispielsweise durch persönliche, liebevolle Zuwendung, auch ohne mehrjährige Heilerausbildung für jedermann durchführbar. Hier wäre deshalb die Anwendung Ockhams Rasiermessers (7) angebracht: Von mehreren Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste allen anderen vorzuziehen.
Und die ist in diesem Zusammenhang, dass Ihre heilerischen Rituale den alten Herrn durch die erlebte Zuwendung beruhigt haben.
Ich brauche nicht anzumerken, dass die Grunderkrankung trotzdem weiter vorhanden ist.

Das ist es, was ich Leuten wie Ihnen, die über die Unfähigkeit, Borniertheit, Arroganz und Voreingenommenheit der "Wissenschaft" parlieren, vorwerfe.
Mehr als jeder Wissenschaftler pflegen Sie Ihren Dogmatismus und ihre - selbst durch noch so gute Gegenargumente - kaum zu ändernden Überzeugungen, und werfen im gleichen Atemzug der gesamten Zahl von Menschen, die im Wissenschaftsbetrieb mühsamen Erkenntnisgewinn betreiben, genau diese intelektuelle Begrenzheit vor.

Und dann schreiben Sie einen Beitrag, aus dem hervorgeht, dass Sie von wissenschaftlichem Arbeiten und wissenschaftlicher Theorienbildung ungefähr so viel Ahnung haben wie von altaramäischer Lyrik.

Aber im Grunde geht´s Ihnen garnicht darum, wie Wissenschaft funktioniert, sondern warum "die Wissenschaft" sich nicht intensiver mit Handauflegen als heilkundliches Verfahren beschäftigt, oder ?

Pianoman


Quellen / Weiterführende Literatur:

(1) zu Carl Sagan
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Sagan
(2) Popper, K. R. "Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf."
(3) Steiner: Aus der Akasha-Chronik, Dornach 1995
(4) zu Hilary Putnam
http://de.wikipedia.org/wiki/Hilary_Putnam
(5) zu Cargo-Cult-Sience
http://de.wikipedia.org/wiki/Cargo-Kult-Wissenschaft
(6) zu Stress und Diabetes
http://www.aerztezeitung.de/kongresse/kongresse2005/diego2005_ada/?sid=362737
(7) zu Ockhams Rasiernmesser
http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser

Bördlein, Christoph "Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine"
Sagan, Carl "Der Drache in meiner Garage oder Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven"
Kern, G. / Traynor, L. "Die esoterischer Verführung - Angriffe auf Vernunft und Freiheit"

Geändert von Pianoman (13.05.2008 um 10:53 Uhr).
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