AW: Organ- und Symptomsprache - die Sprache der Seele - Dieser Beitrag ist 498 Tage alt
Hallo urologiker,
ich glaube auch, dass eine Hauptproblem der Diskussion um wissenschaftliche Welterklärungsmodelle unterschiedliche Vorstellungen über Wissenschaft und ihre Arbeitsmethoden sind.
Wenn ich beispielsweise von ausnahmslos gültigen Gesetzmässigkeiten spreche, meine ich natürlich keine Arbeitshypothesen, die sich aus signifikanten statistischen Verteilungen ergeben und eine bestimmte Kausalität denkbar machen, sondern Naturgesetze wie eben den Energieerhaltungssatz, die 4-Kräfte-Lehre oder das Massewirkungsgesetz.
Kein Wissenschaftler käme heute ernsthaft auf die Idee, Theorien zu verkünden, die sich nicht mit diesen Gesetzen in Übereinstimmung bringen lassen. (Deshalb wird die Homöopathie auch nie an Hochschulen gelehrt werden.)
Das von Ihnen angesprochene Auswalzen der Diskussion lässt sich - wenn auch nicht ganz verhindern - doch erheblich reduzieren, wenn alle am Diskurs Beteiligten, die Welterklärungsmodelle, zu deren Begründung, Rechtfertigung und Verteidung sie angetreten sind, im Vorfeld einem Standard-Verfahren unterziehen, innerhalb dessen - durch konsequente Anwendung bestimmter Arbeitstechniken - die Bewertung subjektiv gewonnener Erfahrungen zur objektiven Erkenntnis führen kann:
Ein behauptetes Phänomen muss kausal (Verknüpfung von Ursache und Wirkung) und logisch begründet sein, d.h. es müssen Aussagen über den zu erwartenden Verlauf und das wahrscheinliche Ergebnis eines auf das Phänomen bezogenen Experiments möglich sein.
Theorien müssen nach der möglichst einfachsten Erklärung suchen (Ockhams Rasiermesser), in sich widerspruchsfrei sein und bereits bekannte Gesetzmäßigkeiten sinnvoll berücksichtigen.
Experimente und Ergebnisse müssen durch unabhängige Dritte reproduzierbar sein. (Intersubjektivität).
Insbesondere medizinische Neuerungen oder nicht der evidenzbasierten Hochschulmedizin entstammenden "alternative" Verfahren müssen durch Test mit Kontrollgruppen und durch randomisierte Doppelblindstudien abgesichert werden.
Die Beweislast für eine Hypothese liegt beim Behauptenden. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, jede noch so abstruse Behauptung zu überprüfen und ggf. zu widerlegen.
Ein Erklärungsmodell darf sich nicht der Falsifizierung entziehen. Jeder echte Test einer Theorie ist der Versuch, sie zu falsifizieren oder zu widerlegen. Testbarkeit ist Falsifizierbarkeit, wenngleich einige Theorien besser testbar sind, als andere.
Belege einer Theorie sollten nur gezählt werden, wenn sie Ergebnis eines ernsthaften, aber erfolglosen Versuchs der Widerlegung sind.
Wenn prinzipiell testbare Theorien im Falle der Widerlegung von ihren Bewunderern dennoch aufrechterhalten werden, etwa indem ad hoc neue Annahmen eingeführt werden, die eine Flucht vor der Widerlegung erlauben, muss diese Theorie im wissenschaftlichen Sinn als gescheitert angesehen werden.
Hypothesen und Theorien bedürfen der Zirkelfreiheit, d.h. sie dürfen sich nicht selbst voraussetzen oder auf unbegründete Sätze verweisen (Petitio principii)
Hypothesen oder Theorien bedürfen der inneren Widerspruchsfreiheit, d.h. sie dürfen in ihrem Aufbau keine logischen Widersprüche aufweisen (interne Konsistenz)
Wendet man diese Forderungen auf unsere materielle Welt an, so ist - zumindest in den meisten Fällen - eine Entscheidung über "richtig/falsch" bezüglich unterschiedlicher Modelle der Welterklärung möglich; und es erspart mithin eine Menge unnötiger Diskussionen.
Pianoman
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