| Glaubt an nix!
| AW: Organ- und Symptomsprache - die Sprache der Seele - Dieser Beitrag ist 450 Tage alt Hallo christiane,
die These, die Grenzen der Hochschulmedizin könnten sinnvoll und für den Patienten gewinnbringend durch komplementärmedizinische Verfahren erweitert werden, halte ich zwar für gewagt, will mich aber nicht noch einmal dazu äußern. Alles was von meiner Seite dazu zu sagen ist, steht im Beitrag #92.
Allerdings verweise ich noch einmal auf die offensichtliche Notwendigkeit, Weltanschauungen, Paradigmen und Denkfiguren in der Medizin durchschaubar zu machen und diese ggf. kritisch zu beleuchten.
Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag: Warum senkt z.B. Akupunktur den Schmerzmittelverbrauch? Den geplagten Patienten ist es, mit Verlaub gesagt, sch...egal. Der Wirkmechanismus konnte noch nicht erklärt werden, ABER ES WIRKT TROTZDEM.
Hinter dieser Feststellung steht einerseits die Überzeugung, dass die Akupunktur eine wirksame Alternative zur Schmerztherapie mit Medikamenten ist, und andererseits die Annahme, dass der Wirkmechanismus noch nicht geklärt werden konnte.
Zur Annahme. der Wirkmechanismus sei noch unklar, muß ich feststellen, dass die Traditionelle Chinesische Medizin, in deren Tradition die Akkupunktur steht, sehr genaue Vorstellungen eines Wirkkonzepts hat, das von allen übernommen wird, die Akkupunktur ausüben.
Die Vertreter der TCM sind der Auffassung, dass im nichtmateriellen Bereich des Organismus Energiebahnen verlaufen, die Organe des Körpers miteinander verbinden.
Wird der Energiefluß innerhalb dieser Bahnen blockiert, entstehen Krankheiten, die sich auch durch Schmerzen äußern. Durch das Einstechen von Nadeln in bestimmten Punkten auf diesen Energiebahnen werden Blockaden gelöst und damit der Heilerfolg ausgelöst.
Ob dieses Modell tatsächlich der biologischen Realität entspricht, bezweifele ich persönlich; aber das ist sicher noch kein Grund, dieses Modell nicht doch als Realitätsbeschreibung anzuerkennen.
Warum habe ich Zweifel?
Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass ein völlig willkürliches, durch Analogie-Denken entwickeltes Weltmodell, dessen Axiome sich als nicht haltbar herausgestellt haben, aus reinem Zufall trotzdem ein verifizierbares Therapiekonzept generiert.
Dieser Meinung gegenüber stehen (vielleicht) Ihre persönlichen Erfahrungen und daraus resultierenden Überzeugungen. Aber Sie sind damit ein Einzelfall, der sich als beweisendes Argument für eine generelle Aussage nicht eignet.
Was uns zur Entscheidung fehlt, ist die scharfe Klinge des Gesetzes der großen Zahlen, mit anderen Worten, die Aussagen der Statistik.
Die aber existieren in Form der Gerac-Studie zur Akupunktur. Die GERAC-Studie war eine bundesweit durchgeführte Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur. Hintergrund war die Überlegung, Akkupunktur in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufzunehmen.
Der AOK Bundesverband äußert sich zu den Ergebnissen dieser Studie wie folgt: Zitat AOK-Bundesverband: Beweist die gerac-Studie, dass Akupunktur unwirksam/wirksam ist? Die vorliegenden Teilergebnisse der gerac-Studie weisen darauf hin, dass es keinen deutlichen Unterschied in der Wirkung einer nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin durchgeführten Akupunktur und eine Akupunktur an eigentlich nach dieser Theorie unwirksamen Akupunkturpunkten gibt. Das bedeutet, dass die Studie die Überlegenheit des Akupunkturkonzeptes der traditionellen chinesischen Medizin nicht belegen konnte. Sowohl die Patienten in der Verum-Akpunkturgruppe als auch die in der Sham-Akupunkturgruppe hatten aber deutlich bessere Behandlungsergebnisse als die in der Standardbehandlungsgruppe. Sowohl die Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als auch die so genannte Sham-Akupunktur, bei der an Nicht-Akupunkturpunkten gestochen wird, haben bei den Studienteilnehmern besser gegen chronischen Kreuz- und Knieschmerz gewirkt als die leitlinienbasierte konservative Standardtherapie. Der Wirkungsmechanismus ist allerdings weiterhin unklar. Auffallend ist, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Effekten der Verum- und der Sham-Akupunktur gibt. Die Auswahl der Akupunkturpunkte sowie die spezifische Stichtechnik scheinen somit keinen wesentlichen Einfluss auf den Therapieeffekt zu haben. Die Deutung dieses Ergebnisses ist schwierig. Eine mögliche Interpretation geht dahin, dass es nicht auf bestimmte Akupunkturpunkte und eine ganz bestimmte Akupunkturtechnik ankommt. Die Wirkung der Akupunktur könnte auch ein unspezifischer neurophysiologischer Reizeffekt sein, der eine Schmerzlinderung zur Folge hat. Eine wichtige Rolle dabei spielt sicher aber auch die positive Erwartungshaltung der Patienten, die mit Akupunktur behandelt worden sind. Zieht man ein Fazit aus den genannten und weiteren Aspekten dieser Studie, wird schnell deutlich, dass Schmerzgeschehen offenbar durch viele Faktoren beeinflusst wird, beispielsweise durch Noncebo- und Placebo-Effekte oder durch das Maß der empathischen Zuwendung des Arztes, und genau so auch durch die Schmerzkarriere des jeweiligen Patienten. Was die Studie bewiesen hat, ist, dass es bei Kreuz- und Knieschmerz geplagten Patienten einen schmerzlindernden Effekt haben kann, Nadeln in sie zu stechen. Und zwar an beliebigen Stellen. Und das bei etwas weniger als der Hälfte der Probanten. Ob diese Ergebnisse ausreichen, um eine Prognose über den langfristigen Gebrauch von Schmerzmitteln abzugeben, muß bezweifelt werden. Es liegen nämlich beispielweise keine Zahlen darüber vor, ob und wann sich der (wahrscheinliche) Plazebo-Effekt erledigt. Weiterhin geht es auch hier nicht um Heilung der Ursache, sondern um eine palliativmedizinische Behandlung. Eins ist aber sicher: Der mit viel Emphase von den Vertretern "alternativer Heilkunst" vorgetragene Wirksamkeitsanspruch der traditionellen Akupunktur ist nach wie vor fragwürdig. Pianoman |