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Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen...

In dieser Diskussion geht es um "Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen..." im "kritisch betrachtet" Forum, als Teil von Patientenfragen.net
Prinzipiell richtig der Einwurf, aber "glauben wollen" setzt voraus, dass kranke Menschen - trotz der damit verbundenen seelischen Ausnahmesituation - in der Lage sind, rational ...



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Alt 23.05.2007, 07:41   #7
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Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse - Dieser Beitrag ist 1,032 Tage alt

Prinzipiell richtig der Einwurf, aber "glauben wollen" setzt voraus, dass kranke Menschen - trotz der damit verbundenen seelischen Ausnahmesituation - in der Lage sind, rational mit mit Diagnosen, Therapien und Heilsversprechen umzugehen und zum Fällen bewußter Entscheidungen in der Lage sind; und genau das ist leider allzu oft nicht der Fall.

Natürlich ist der Mensch grundsätzlich für sich selbst verantwortlich, aber es ist nicht zu übersehen, dass besonders in der sozialen Beziehung Arzt/Heiler - Patient auch so etwas wie eine vorübergehende Entmündigung stattfindet. Zum Teil provoziert durch den Nimbus des charismatischen Heilers,genau so aber auch vom Patienten vollzogen, der sein "Schicksal" in andere Hände gibt.
Ich bin immer wieder erstaunt über diese selbstgewählte Unmündigkeit, die sich besonders im Bereich der Komplementärmedizin zeigt.

Pianoman
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Alt 23.05.2007, 07:45   #8
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Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse - Dieser Beitrag ist 1,032 Tage alt

ich selbst hatte am "himmelfahrtstag"

so EXTREME darmkrämpfe, dass ich NUR NOCH ABHILFE bekommen wollte...egal wodurch...

soetwas kann wohl auch bei ansonsten eher rational denkenden menschen, zu denen ich mich auch eher rechne, eiine frage des "leidendruckes" sein....?

günni
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Alt 24.05.2007, 08:54   #9
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Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse - Dieser Beitrag ist 1,031 Tage alt

Genau günni,

in solchen Extremsituationen ist die Bereitschaft, jedem, wirklich jedem Versprechen zu glauben, natürlich außerordentlich hoch.
Und weil das so ist, gehört eben zum Heilerberuf auch diese besondere Ethik, den Menschen zu schützen (und deswegen vor unnützen Therapien zu bewahren).

Im übrigen hoffe ich, dass Dir irgend etwas geholfen hat, was dann auch immer.

Grüße
Pianoman

Geändert von Pianoman (24.05.2007 um 11:29 Uhr).
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Alt 28.05.2007, 15:44   #10
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Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse - Dieser Beitrag ist 1,027 Tage alt

Versteinerte Magie: Die Anthroposophische Heilkunde

Heute möchte ich mit der „Anthroposophischen Heilskunde“ das zweite Verfahren der so genannten „Besonderen Therapieeinrichtungen“ (im Sinne des Sozialgesetzbuchs) beschreiben. Genau wie in der Homöopathie existieren keine Wirksamkeitsnachweise für die Verfahren und verwendeten Heilmittel, und genau wie die Anhänger Hahnemanns sind auch die Jünger von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, intensiv bemüht, ihre Heilsverfahren auch ohne Wirksamkeitsnachweise im Medizinbetrieb dauerhaft zu installieren.

Während bei einer kritischen Betrachtung der Homöopathie vor allem vorgeworfen werden muss, dass sie sich - als geschlossenes Denksystem – den Entwicklungen der Naturwissenschaften seit über 200 Jahren verweigert, und damit auch ihre eigene Entwicklung in der realen Welt verhindert, so treffen wir bei einer Auseinandersetzung mit der Anthroposophie auf eine Wirklichkeitskonstruktion, die zwar im Zeitalter der aufgeklärten Wissenschaft gegen Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist, aber in ihren fundamentalen Erkenntnissen von der realen Welt in etwa soweit entfernt ist, wie der Herr der Ringe von einem geschichtswissenschaftlichen Lehrbuch.

Die anthroposophische Heilkunde ist untrennbar mit der Figur ihres Begründers Rudolf Steiner (1861-1925) verbunden.
Die Legende besagt, dass Steiners Welterklärungsmodell auf "primären Erfahrung der Welt des Seins hinter der sinnlichen Welt" beruht, was für die Heilkunde nichts anderes bedeutet, als dass das naturwissenschaftliche Fundament der Medizin um eine geistige Komponente erweitert wird, die durchzogen ist von Ideen und Begrifflichkeiten, die ihm angeblich in “mystischer Schau” offenbart wurden. Die wesentliche Quelle seiner metaphysischen Offenbarungen sind die so genannten Akasha-Chroniken, die man sich als fiktiven Wissenspool der Esoterik vorstellen muss. Zu den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften allerdings stehen alle seine Vorstellungen in diametralem Widerspruch.


Der zentrale Gedanke der anthroposophischen Heilkunde ist die Wiederherstellung eines Gleichgewichtes der von Steiner postulierten “Äther-”, “Astral-” und “Ich-Leiber”, die den physischen Körper des Menschen in aurischen Hüllen umgäben. Bei der Therapie von Erkrankungen geht es deshalb nur unwesentlich um die Behandlung von Krankheitserscheinungen und deren materiellen Ursachen, sondern vielmehr um die Korrektur von Ungleichgewichten im Zusammenhang mit der universellen, kosmischen Existenz des Menschen.

Neben heilpädagogischen, körperbezogenen Verfahren (Eurythmie u.a.), stehen den anthroposophischen Heilern dafür eine umfängliche Anzahl von pharmakologischen Heilmitteln zu Verfügung.

Während sich die Wirksamkeit der nichtmateriellen, geistigen Heilverfahren einer naturwissenschaftlichen Diskussion entziehen, und deshalb vornehmlich von Psychologen oder Pädagogen beurteilt werden sollten, stellen die Medikament der Anthroposophie für die Naturwissenschaften ein wenigstens so großes Konfliktfeld dar, wie die Präparate der Homöopathie.


Die Anthroposophischen Heilmittel:

Die anthroposophischen Heiler verfügen über eine große Zahl spezifischer Medikamente aus pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Grundstoffen, die einer Reihe von rituellen Behandlungen unterzogen werden, bei denen nicht biochemische Reaktionen im Vordergrund steht, sondern energetische Umwandlung, Anreicherung oder Aufbereitung erzielt werden soll. Dafür werden die Grundstoffe nach eher alchimistischen Arbeitstechniken ausgepresst, getrocknet, gekocht oder verascht. Die Darreichung erfolgt in homöopathieähnlicher Aufbereitung und Verdünnung.

Welche Pflanzen oder/und Mineralien als Grundstoffe genutzt werden, wird durch Analogie-Denken , durch Form- und Farbassoziationen und durch angenommene „kosmische Zusammenhänge“ bestimmt.

Beispielsweise erfolgt die Zuordnung von Pflanzen zur Therapie von Erkrankungen der Leber über Farb- und Formassoziationen: Gelbe Löwenzahnblätter oder Javanische Gelbwurz etwa dienen als Therapeutika, weil ein mögliches Erscheinungsbild einer Lebererkrankung der Ikterus ist, der bekanntlich zu einer Gelbfärbung von Haut und Augen führt.

Als bestes Beispiel für Analogie-Denken bietet sich die Mistel-Therapie im Rahmen onkologischer Behandlungen an. Die Anthroposophen erklären die Wirkung der Mistel wie folgt: Wie beim Krebs handle es sich auch bei der Mistel um einen Schmarotzer. Wie der Krebs, der sich dem normalen Zellwachstum widersetze, widersetze sich auch die Mistel den Gesetzen der Natur: sie blühe im Winter, berühre die Erde nicht und wachse nicht dem Sonnenlicht entgegen. Laut Steiner habe man "in den Kräften der Mistel das exakte Gegenbild zum Auseinanderweichen der Wesensglieder beim Entstehen der Krebskrankheit vorliegen, ein wirklich kausales Heilmittel", denn: "Die Mistel übernimmt als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, dass sie die psychische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-Sich-Zerfallen.".


Ebenfalls von Bedeutung soll die indikations- und geschlechtsbezogene Auswahl der Wirtsbäume sein, von denen die Misteln geerntet werden: Zur Behandlung von Karzinomen des Urogenitaltraktes werden bei männlichen Patienten Misteln von Eichenbäumen verwendete, bei weiblichen Patienten dagegen von Apfelbäumen. Auf Linden wachsende Misteln seien geeignet bei Nieren- und Lungentumoren, Eschenmisteln bei Leukämie und Knochenkrebs.

Anmerkung zur Misteltherapie: Ein in meinen Augen absolut verantwortungsloses und unethisches Verhalten der Anthroposophischen Heiler besteht darin, regelmäßig "Präkanzerosen" (= Vorstadium eines Krebses) als Ergebnis eines völlig absurden “Blutkristallisationstest” zu diagnostizieren. In der Folge dieser angsterzeugenden Diagnose wird den Patienten in der Regel und rein vorsorglich zu Mistelinjektionen geraten. Mit den meisteingesetzten Präparaten “Iscador” (Weleda) und “Iscucin” (Wala), werden dadurch Millionenumsätze erzielt.

Analoges Denken verrät sich auch bei der Verwendung von Tieren und oder tierlichen Körperteilen. Hier sollen sich Lebensäußerungen des Tieres im Heilmittel manifestieren.
Präparate aus Insekten wie Bienen, Wespen oder Ameisen werden hergestellt, in dem die Tiere lebend zerkleinert werden, um ihre "Lebenskraft" in das Medikament zu übertragen. Daneben finden auch Schlangengifte, Krötensekrete, Sepia-Tinte, Haifisch- oder Rindergalle, Horn oder Maulwurfshaare ihren Weg in Heilmittel.

„Kosmische Zusammenhänge außerirdischer Natur” vermutet Steiner beispielsweise bei der Kreuzspinne. Da mit ihr die astralischen Kräfte angeregt werden könnten, die sich besonders in den Lebensprozessen des Bewegungsapparates äußerten, ist der Einsatz von Kreuzspinnenpräparaten bei Muskelerkrankungen sinnvoll.

Ganz besonders äußert sich das „Denken in kosmologischen Zusammenhängen“ bei der Herstellung der Präparate aus Metallen . Hier finden die metallischen Elemente Verwendung, die in rein mystischer, astrologischer Denkweise den Himmelskörpern des “inneren Planetensystems” zugeordnet werden: Blei, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber, Silber und Zinn. Das „Wesen“ der Metalle ist jeweils mit einer Pflanze, einem menschlichen Organ, einem Planeten und einem Tierkreiszeichen verbunden.

Danach ist Eisen mit der Brennnessel, der Galle, dem Mars und dem Tierkreiszeichen Widder verbunden, was eisenhaltige Präparate zur Behandlung von Gallenproblemen indiziere. Silber hingegen ist als Mondmetall bei Störungen des Mondorgans angezeigt: des Gehirns.

Neben Präparaten mit Metallen in “natürlicher” Form werden bevorzugt solche mit “"vegetabilisierten Metallen” eingesetzt.
Streng nach den Vorgaben Steiners werden hierbei die zur Rede stehenden Metalle aufwendigen Glüh-, Abrauch- und Fällungsprozessen ausgesetzt, bis nur noch poröse Rückstände übrig bleiben.
Aus diesen Verarbeitungsrückständen wird ein “Urdünger” hergestellt, der in einer Wasserverdünnung von 1:1.000.000 auf die Saat einer entsprechenden Heilpflanze ausgebracht wird. Johanniskraut beispielsweise wird mit Gold-Urdünger behandelt, Brunnenkresse mit Quecksilber, Wegwarte mit Zinn, oder Brennnessel mit Eisen.
Nach der vollen Entfaltung der Pflanze werden die oberirdischen Teile (unter Beachtung von Mondphasen und astrologischen Planentenkonstellationen) abgeschnitten, gehäckselt und in der Sonne angewelkt; anschließend werden sie mit reifer Gartenerde vermischt und in Tontöpfen kompostiert. In einer zweiten Stufe wird der so erhaltene Kompost auf eine neue Saat ausgebracht, deren voll entfaltete Pflanzen derselben Prozedur unterworfen werden wie die Pflanzen der ersten Stufe. Der Vorgang wird noch ein drittes mal wiederholt. Die in der dritten Stufe, sprich: nach drei Jahren “ganz vom Metallprozess durchdrungenen" Pflanzen werden zu homöopathieähnlichen Lösungen und Injektionsmitteln aufbereitet. Kamillenvegetabilisiertes Kupfer beispielsweise ist unverzichtbar bei der Therapie von Blähungskoliken. Ackerschachtelhalmvegetabilisiertes Gold wird zur Behandlung von Niereninsuffizienz und Herzmuskelschwäche genutzt.

Auch Präparate mit “animalisierten” Metallen werden verwendet, hergestellt in gleichermaßen ritualisierter Form aus den Organen von Schlachttieren - meist junge Rinder, Schweine oder Schafe -, denen zu Lebzeiten entsprechende Metalle verabfolgt worden waren.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Zuordnung der einzelnen Präparate beziehungsweise der darin enthaltenen Stoffe zu bestimmten Störungen oder Erkrankungen rational nicht nachvollziehbar und naturwissenschaftlich durch nichts belegt ist. Wie Szenekritiker Klaus Bock schreibt, hätten es die Anthroposophen “seit über sechzig Jahren nicht fertig gebracht, für ihre Mistelpräparate einen den Kriterien der wissenschaftlichen Medizin genügenden Wirksamkeitsnachweis zu erbringen”.
Ähnlich wie die Mittel der Homöopathie unterliegen auch die Mittel der anthroposophischen Heilkunde einer arzneimittelgesetzlichen Ausnahmeregelung: ihre Wirkung muß nicht anhand der wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen werden, die Maßstab der Zulassung jedes anderen Medikaments sind. Eine klinisch-kontrollierte Arzneimittelprüfung außerhalb des anthroposophischen Binnenkontexts findet nicht statt. Auch Nebenwirkungen, beispielsweise der verwendeten Blei- und Quecksilberpräparate, werden nicht kontrolliert überprüft. Angegeben Wirkungsmechanismen genügen bestenfalls den Anforderungen des anthroposophischen Binnenkontexts. Mit naturwissenschaftlich begründeter Pharmakologie haben sie nichts zu tun.

Bezeichnend ist auch das Krankheitsverständnis anthroposophischer Medizin, in dem sich die schon weiter oben angesprochenen esoterisch-okkulten Sichtweisen darstellen. Zentrale Ursachen für Erkrankungen sind immer auch im Karma zu finden. Die Wurzel einer Krankheit kann im vergangenen Erdenleben liegen. Da Karma aus der Vergangenheit wirkt, sind Ärzte gegen bestimmte Schicksalsbestimmung machtlos.
Erstaunlich ist auch die Auffassung von Leid und Schmerz. Nach Steiner erzeugt das Erleben von Krankheit und damit verbundenem Schmerz den Antrieb, das in früheren Leben Versäumte nachzuholen, auch wenn dies in diesem Leben nicht mehr möglich ist. Man nimmt es als starken Impuls mit in das nächste Leben. Dort erscheint es dann als Fähigkeit, das Versäumte nachzuholen, das heißt unter Umständen als Begabung, dies zu lernen.
Welche Konsequenzen sich daraus für die Schmerztherapie der Anthroposophen ergeben, überlasse ich der Spekulation des Lesers.

Was Sie deshalb glauben müssen, wenn Sie nach anthroposophischen Vorstellungen therapiert werden:

Der Mensch besteht aus einen dreiteiligen Leibsystem, dessen Ungleichgewicht die Ursache von Krankheiten ist. Ziel jeder Therapie ist die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts.

Analoges oder assoziatives Denken und kosmisches Bewusstsein eignen sich zur Entwicklung von Medikamenten.

Die gegenwärtige Biographie eines Menschen ist das Ergebnis karmisch wirksamen Verhaltens in früheren Leben, wirkt aber auch karmisch auf die nächsten Leben.
Krankheiten können Folgeerscheinungen von Fehlverhalten in früheren Leben sein und dazu dienen, alte Schuld abzutragen, oder sie bereiten auf die nächste "Wiedergeburt" vor.
Also ist der kranke Mensch immer auch schuldig an seinem Zustand. Schuld ist dabei das, was Steiner zur Schuld erklärt hat. Es gibt von Steiner aufgestellte Schuldeslisten. Anhand dieser Listen kann sich der anthroposophische Arzt orientieren, welches Karma er denn nun gerade vor sich hat, und welche Maßnahmen die Erfüllung dieses Karmas unterstützen.

Zwischen innermenschlichen Prozessen und übergeordneten kosmologischen Prinzipien bestehen kausale Verbindungen (Hermeneutische Denkweise -Wie oben, so unten...).

Bei der Arzneimittelfindung spielen nicht die naturwissenschaftlich nachweisbaren Ursachen und deren Beseitigung die wesentliche Rolle, sondern die Erkenntnis der Beziehungen zwischen innermenschlichen organischen Prozessen und Natursubstanzen, wie sie z.B. sich unter den oben genannten Gesichtspunkten der Dreigliederung ergibt.

Der Konflikt mit den Natur- und Geisteswissenschaften:

Ganz allgemein gibt es nicht den geringsten Anlass, Rudolf Steiners zu großen Teilen aus Versatzstücken unterschiedlichster esoterischer Denkströmungen zusammenphantasiertes Wirklichkeitskonstrukt als satisfaktionsfähiges Welterklärungsmodell zu akzeptieren.

Aus naturwissenschaftlicher Sichtweise sind folgende Widersprüche aufzuzeigen:

Die Anthroposophie nimmt kosmische Kräfte in ihren Präparaten an. Diese kosmisch-ätherischen Kräfte sind der Physik als Bestandteil der Materie völlig unbekannt und konnten außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen werden.

Während der Medikamentenherstellung werden rituelle Prozesse hinsichtlich Wärme- und Kältezufuhr zu bestimmten Tageszeiten vollzogen. Die Wärmebehandlung im Tagesrhythmus übt einen zentralen Einfluss auf das Medikament aus.
Die Physik kennt hingegen keine Abhängigkeit der physikalisch-chemischen Abläufe von der Tageszeit. Wenn der Belladonnasaft weiß, wieviel Uhr es ist, dann ist die gesamte Wissenschaft seit Galilei grob unvollständig.

Bei der Vegetabilisierung/Animalisierung von Metallen geht die Anthroposophie davon aus, dass metallische Elemente über ein rituelles Verfahren bestimmte Eigenschaften von Pflanzen oder Tieren übernehmen.
Wenn dieses Verfahren wirkt, ist die Physik grob unvollständig, weil sie eine Veränderbarkeit grundsätzlicher atomarer Eigenschaften von Elementen durch den Stoffwechsel von Pflanzen oder Tieren nicht kennt. Außerdem sind die gesamte Naturwissenschaft und Schulmedizin seit Galilei grob unvollständig, da sie Zusammenhänge zwischen Metallen, Pflanzen, Organen, Planeten und Tierkreiszeichen nicht kennen.

Weiterhin behauptet die Anthroposophie, Materie - besonders aber auch Wasser - könne durch rituelle Verfahren mit fiktiven kosmischen Energieformen energetisiert werden.
Der Physik ist kein Verfahren bekannt, dass zu einer anderen energetischen Qualität von Wasser führt. Abgesehen davon, dass diese Eigenschaft der Materie völlig unbekannt und außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen werden konnte, würde der zum Beispiel der Nachweis, Wasser könne „energetisiert“ werden, die Physik als grob unvollständig erweisen. So ein Nachweis, der auch die Homöopathie auf einen gesicherten Boden stellen könnte, ist bisher ausgeblieben.

Den Naturwissenschaften ist eine Unterteilung des Menschen in vier Wesensglieder mit unterschiedlichen Funktionen für den Organismus völlig unbekannt. Daraus entstehende Konsequenzen für die menschliche Existenz sind außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen worden.



Die Auflistung ist nicht vollständig. Aber jede tiefergehende Auseinandersetzung mit Steiners Weltmodell würde den Rahmen dieses Forums bei weitem sprengen.

Wie üblich stehe ich auch bei diesem Thema für zusätzliche Fragen zur Verfügung.

Pianoman

Geändert von Pianoman (30.05.2007 um 01:19 Uhr).
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Alt 30.05.2007, 16:43   #11
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Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse - Dieser Beitrag ist 1,025 Tage alt

Nur mal so am Rande erwähnt...

Ich habe mich innerhalb dieses Forums bisher mit den etablierten "Besonderen Therapieneinrichtungen" Homöopathie und Anthroposophische Medizin beschäftigt; es fehlt noch die Phytotherapie, die ich allerdings nicht darstellen werde. Das liegt daran, dass sie, wenn man nur ihre historische Patina ignoriert, die sie überflüssigerweise oder vielleicht aus existenzerhaltenden Gründen pflegt, der Hochschulmedizin oder Pharmazie doch recht nahe steht und im Grunde dort sinnvoll weiterentwickelt wurde. Auf jeden Fall ist sie nicht die große Herausforderung im Diskurs zwischen Hochschulmedizin/Pharmazie und den Apologeten der Komplementärmedizin.

Und um diesen Diskurs geht es schlechthin.

Je länger ich mich mit den Verfahren der Komplementärmedizin beschäftige und je intensiver ich die Bemühungen um einen Dialog zwischen Hochschulmedizin und Komplementärmedizin beobachte, desto nachhaltiger breitet sich in mir ein Gefühl der Resignation aus, weil ich mehr und mehr das Gefühl habe, in einem Biotop des kreischenden Irrsinns aberwitzigen Zombie-Dialogen zu lauschen (rein subjektive Empfindung und in der Wortwahl sicher nicht angemessen).

Die Ärztekammer hat im Jahr 2000 eine Arbeitsgruppe gebildet mit dem Ziel, "einen strukturierten Dialog zwischen Vertretern unterschiedlicher Therapierichtungen zu initiieren und letztlich zu einer patientengerechten Integration verschiedener therapeutischer Schulen beizutragen. Bisherige Auseinandersetzungen zwischen Schul- und Komplementärmedizin, die gelegentlich Glaubenskriegen ähnelten, sollten in einen rationalen Diskurs überführt werden."

Ich halte inzwischen die Unterscheidung zwischen Hochschulmedizin und Komplementärmedizin für einen Akt der Patientenverblödung. Es ist eine Augenwischerei der besonderen Art, um sich der Diskussion zu entziehen, ob die populistische Anbiederung an "Patientenwünsche" sich in der Entwicklung der Wissenschaftsmedizin niederschlagen muss oder soll.

Denn nach wie vor gilt: Alles, was wirksam ist, wird seine Wirksamkeit erklären und beweisen können. Wenn es das kann, gehört es zur "Hochschulmedizin". Der "Komplementärmedizin" bleibt therapeutisch gesehen nur noch die "leere Menge"! Ihr einziger Wirkmechanismus ist und bleibt der Placebo-Effekt.

Patientengerecht ist es, den Patienten wirksame Methoden anzubieten. Ganz und gar nicht patientengerecht ist es, eine Wirksamkeit bei unwirksamen Methoden vorzugaukeln, damit man den Patienten nach dem Munde reden kann!

Der Ausgangspunkt ist eine Krankheit und ihre Ursache. Das Ziel, dass ohnehin allen klar ist, ist die möglichst vollständige Heilung. Aber der Weg dorthin steht nicht zur Disposition! Niemand kann Weg und Ziel gleichermaßen frei wählen! Denn im Gegensatz zu den sich massiv widersprechenden Therapieansätzen der Alternativen Heilverfahren, hat sich in der Hochschulmedizin durch Vernetzung von Chemie, Physik und Biologie, von Genetik, Informatik, Kybernetik, Verhaltenslehre und evolutionärer Betrachtungsweise ein erdbebenfestes wissenschaftliches Gebäude ergeben, dass die Wege vorschreibt.

Und wer diese einfachen Tatbestände verinnerlicht hat, der weiß, dass es eine Integration von Hochschulmedizinischer Therapie und Alternativen Heilverfahren nicht geben kann! Man kann nicht Sinnloses und Sinnvolles integrieren, bloß weil es gerade gesellschaftspolitisch gewollt ist!

Ich finde es erschreckend, mit welcher Penetranz in letzter Konsequenz die Mitbestimmung über Naturgesetze gefordert wird. Jedes komplementäre Heilverfahren zeichnet sich letztlich dadurch aus, dass in diesen Therapie-Modellen die Naturgesetze, die in jedem Moment unseres Lebens ihre universelle Wirkung ausüben, ignoriert, als falsch oder unvollständig angesehen werden. Und damit die Wirklichkeitskonstrukte der Alternativen nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, wird nicht nur die Naturwissenschaft, sondern Wissenschaft ganz allgemein in Zweifel gezogen.

Bezeichnend ist aber, dass die Auseinandersetzung mit diesen oft genannten Widersprüchen definitiv nicht erfolgt. Dafür verschanzen sich die Vertreter und Befürworter der besonderen Therapierichtungen hinter einer besonders starken Position, die ich Komplexität nennen möchte.
Wie will man Schlagworte wie »ganzheitlich«, »Stärkung der Abwehrkraft«, »Umstimmung«, oder gar »Gesundheit«, »Harmonisierung« auf ihren Gehalt prüfen? Wer jedoch diese Worte verwendet, ist halt gegen Zweifel gefeit.
Erst wenn aus diesem insgesamt autistisch-undisziplinierten Denken die arzneitherapeutischen Handlungsanweisungen oder die konkreten Therapiemaßnahmen destilliert werden, wenn also die Komplexität zugunsten einer detaillierten Betrachtung aufgegeben wird, erscheint die Abstrusität der Verfahren in voller Blüte.

Deswegen ist es auch absurd, die Diskussion um den Wert von Hochschulmedizin und Alternativmedizin als "Krieg" der Kulturen zu apostrophieren. Es fehlt nämlich der Gegner der Hochschulmedizin, da es im Grunde keine Komplementärmedizin gibt.

Es gibt nur Therapeuten, die über die ethische Grundeinstellung verfügen, sich selbst und die Grundlagen und Methoden ihrer Arbeit einer ständigen skeptischen Kontrolle zu unterziehen, und sich genau so der Grenzenbedingungen ihrer Medizin bewusst sind: nämlich nicht über letzte Wahrheiten zu verfügen, sondern nur über vorläufige Richtigkeiten, keine metaphysischen Begründungen sondern nur das Prüfbare zu akzeptieren, keine Sinngebung sondern nur die Abwehr des Unsinns zu betreiben, keine Wunder zu beschwören sondern deren Trivialisierung anzustreben.

Die Anderen sind "Therapeut-Sein-Woller". Sie verfügen über letzte Weisheiten, betreiben Magie, glauben an Wunder, und leisten das faktisch Unmögliche, Tag für Tag. Und sie sind auf dem "aufsteigenden Ast"; solange - ich komme nicht umhin, es so zu formulieren - Dummheit, Ignoranz und Naivität zunehmend die Majorität bekommen!

Ich gebe zu, dass mich ein wenig schaudert.

Pianoman

Geändert von Pianoman (12.06.2007 um 00:08 Uhr).
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Alt 05.06.2007, 13:03   #12
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Auf der Suche nach der ewigen Jugend: Ayurveda in Deutschland

Die im neoliberalen Kapitalismus des globalen Wettbewerbs von beruflichem Stress und dauerhaften Kampf um die soziale Existenz geplagten Seelen der westlichen Industrienationen haben das „Wissen vom Leben“, haben Ayurveda entdeckt; oder vielmehr das, was sie dafür halten.

Und genau so umgekehrt: „Gesundheitsdienstleister“ jeder Couleur partizipieren an der wirtschaftliche Potenz des indischen Medizin-Systems als profitablem Renner auf dem Wellness-Markt. Keine Kosmetikerin kommt - selbst in der tiefsten Provinz - noch ohne Ayurveda-Makeup aus, kein dahinsiechendes Landhotel, dass sich nicht plötzlich zum Hort indisch inspirierter Lebensführung entwickelt, und in dessen Küche statt mit Sonnenblumenöl nun mit Ghee, einem manchmal etwas angeranzten Butterfett gekocht und die heimische Erbsensuppe gegen meist ungenießbar überwürzte Linsencurrys ausgetauscht wird.
Kaum ein Heilpraktiker, der sich nicht auch - und oft überraschend - als Spezialist für Sesamöl-Massagen und Dosha-Behandlungen outet; selbst wenn dieser seine ganzes bisheriges Leben in Winsen an der Luhe verbracht hat.

Auch die Trittbrettfahrer der Esoterik-Szene haben Ayurveda nicht nur als Goldesel (z. B.: 7-8 tägige Ayurveda-Intensiv-Kur in Traben-Trabach/Mosel Hotel Parkschlösschen, kostet etwa 3500.-- Euro, eine Ausbildung in Traditioneller Ayurvedischer Medizin, Dauer etwa 300 Std. (!) kostet bei Yoga Vidya in Bad Meinberg etwa 3000,-- Euro), sondern genau so als wunderbares Transportvehikel für alle möglichen anderen esoterischen Heilverfahren und Lebensführungskonzepte entdeckt.

Anmerkung zur Qualifikation von ayurvedischen Therapeuten:
Was bei Yoga Vidya, einem in der alternativen Heiler-Branche in Deutschland erfolgreichen Unternehmen, mit rund 300 Std. angeblich qualifiziert erlernt werden werden kann, nämlich Kompetenz bei der Durchführung ayurvedischer Therapien, dauert in Indien etwa 5-6 Jahre Studium an einem der 200 ayurvedischen Colleges und führt dort zum Titel "Bachelor of Ayurvedic Medicine and Surgery" (B.A.M.S.) und berechtigt zum Erlangen einer Approbation.
Das Postgraduiertenstudium dauert etwa 3 Jahre , der Absolvent ist dann "Medical Doctor (Ayur.) oder M.D. (Ayur). Sind diese Kürzel im Namen eines Therapeuten vorhanden, kann im Regelfall von einer fundierten Ausbildung ausgegangen werden.

Besonders rege auf dem deutschen Markt ist dabei die äußerst umstrittene Gruppierung des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi, dessen „besondere“ menschlichen Qualitäten weiland schon die Beatles ganz schnell wieder von ihrem Erleuchtungstripp auf den Boden nüchternen westlichen Denkens brachte; John Lennons „Sexy Sadie“ spricht davon Bände.
Jedenfalls hat diese Nachthemd-Vaterfigur der Erleuchtungsszene mit Maharishi Ayur-Veda© eine erfolgversprechende Marketing-Strategie entwickelt, in deren Sog sich auch die von ihm entwickelte Transzendentale Mediation (TM) prächtig verkaufen lässt.


Und es scheint, als sei die Verbindung zur Maharishi-Sekte (das ist die Truppe der fliegenden Yogis) auch für andere Handlungsreisende in Sachen Ayurveda-Vermarktung durchaus gewinnbringend.
Beispielsweise wird der alljährlich zum Zwecke der Vermarktung seines Ayurveda-Ressorts Atmasantulana Village durch Deutschland tourende Dr. Shri Balaji Tambe - als größter Ayurveda-Spezialist unserer Zeit von der einschlägigen Fachpresse im deutschsprachigen Raum gefeiert - regelmässig mit den Aktivitäten der Maharishi-Sekte in Verbindung gebracht. Dass der „größte Spezialist“, der allerdings in der traditionellen Ayurveda-Kultur Indiens weitgehend unbekannt ist und seine Karriere als Maschinenbau-Ingenieur begann, die er heute als Mantra-Sänger, Hotelmanager und Ayurveda-Doktor fortsetzt, über eine sehr eigene und eigenartige Vorstellung von Krankheit (Alles ist Allergie!) verfügt, scheint seinem Ruf in Deutschland kein Abbruch zu tun. Hier trifft man augenscheinlich wieder auf naive Heilsgläubigkeit, die umso kritikloser ist, je allumfassender die Glücksversprechungen sind.

Doch zurück zum Thema: Was ist Ayurveda ? Und was kann dieses untrennbar mit der traditionellen indischen Kultur verbundene Lebenskonzept im Rahmen der dem Zeitgeist abgerungenen, deutschen Patchwork-Medizin tatsächlich leisten ?

Die Beantwortung der Frage ist genau so schwer, wie alle religiös-kulturellen Strömungen der indischen Spiritualität in wenigen Sätzen zu beschreiben. Denn genau das ist das Problem: Es gibt kein einheitliches Konzept Ayurveda.
Vielmehr ist Ayurveda das spirituelle Wissen um die Art und Weise, in jeder Lebensphase ein angemessenes Leben zu führen, und damit natürlich untrennbar mit der enorm vielfältigen weltanschaulichen Pluralität der indischen Geisteswelt verbunden.

Einfacher ist es dagegen darzustellen, was Ayurveda (in seiner ursprünglichen, traditionellen Form) sicher nicht ist: Ayurveda ist keine alternative Medizin, auch wenn die europäischen Umdeuter es gerne so sähen. Ayurveda ist auch kein esoterisches Heilsverfahren. Ayurveda erhebt nicht den Anspruch, über Allheilmittel zu verfügen, es macht nicht jünger und erst recht nicht unsterblich. Es ist genau so wenig ein Zweig der Naturheilkunde wie ein Konzept der Ernährungsmedizin samt Küchen- und Kochkunde. Und es ist sicher kein Wohlfühl- und Entspannungsprogramm für gestresste, aber finanzkräftige Europäer.

Ayurveda ist ein alle Lebensbereiche umfassendes Konzept, das zutiefst mit den weltanschaulichen, kulturphilosophischen und sozioökonomischen Bedingungen Indiens verbunden ist. Insoweit sind viele Aspekte des Ayurveda nur zu verstehen und vor allem zu leben, wenn man sich im Selbstverständnis der indischen Kultur – speziell des Hinduismus - bewegt.
Es stellt sich deswegen - wie auch bei anderen, religiös beeinflussten asiatischen/orientalischen Heilverfahren - die zentrale Frage, ob es überhaupt machbar ist, einzelne Elemente aus einem Gesamtsystem herauszulösen, ohne die innere Konsistenz und damit auch die Wirksamkeit des Systems zu zerstören.

Ein Beispiel dazu: Wenn man in Deutschland ein typisches Ayurveda-Wellness-Wochenende bucht, dann gehören ganz sicher auch ein oder zwei möglicherweise entspannende Sesamöl-Massagen zum Angebot.

Die Ölmassagen im traditionellen ayurvedischen Heilsystem haben jedoch eine ganz andere Funktion: Sie sind Bestandteil der panchakarma-Therapie und damit funktional eingebunden in ein sehr individuell auf den Zustand des Patienten abgestimmtes Heilverfahren, an dessen Anfang eine umfangreiche Diagnosetätigkeit steht. So werden den Ölen, die zum Einsatz kommen, bis zu 25 Pflanzenbestandteile beigemischt, die maßgeblich die Wirkung erzeugen, die der Therapeut erzielen will. Therapeutischer Sinn ist dabei kaum die Entspannung des Menschen, sondern Entgiftung, ggf. auch die Wiederherstellung von reduzierter Bewegungsfähigkeit. Die Massagen, auch in Verbindung mit anderen körpertherapeutischen Maßnahmen, sind allerdings nur die Einleitung des meist 4 Wochen (und länger) dauernden panchakarma-Heilrituals, das nach westlichen Maßstäben aus eher rüden Therapiemaßnahmen besteht.
Dazu gehören das tägliche Trinken von mehreren Tassen Öl oder Ghee, bis nur noch Fett über den Darm ausgeschieden wird, anschließend erfolgt eine mehrtägige Schwitzkur mit Massagen. Der innere Reinigungsprozess wird dann durch provoziertes mehrfaches Erbrechen über einen Zeitraum bis zu drei Tagen eingeleitet. Dann erfolgt eine Abführkur, bei der durch pflanzliche Abführmittel bis zu 30 tägliche Darmentleerungen erreicht werden. Ist der Verdauungstrakt gründlich geleert, folgen Öl-Einläufe mit Klistieren in den Mastdarm. Auch dieses Maßnahme dient der Ausleitung von Giftstoffen und schädlichen Stoffwechselprodukten. Parallel dazu werden andere Körperöffnungen - Nase, Mund und Ohren - mit verschieden Verfahren und Lösungen gereinigt.
Da diese sehr strapazierenden Therapiebestandteile das Herz-Kreislauf-System belasten, soll über einen Aderlass oder durch Schröpfen mit Blutegeln für eine Entlastung gesorgt werden. Dabei werden bis zu 500 Milliliter Blut dem Organismus entnommen.
Zum Abschluss einer panchakarma-Therapie wird der Patient langsam wieder an seine übliche Nahrungsaufnahme bzw. Lebensgewohnheiten gewöhnt.

Wie schon gesagt, das alles hat mit dem Instant-Ayurveda westlicher Wohlfühl-Events nur sehr wenig zutun. Die Frage bleibt also, welche therapeutische Wirkung von Ayurveda-light zu erwarten ist, wenn wesentliche Bestandteile der traditionellen Behandlungsweisen nicht eingesetzt werden.

Wenn Ayurveda ernst genommen werden soll - was für einige Bereiche des traditionellen Ayurveda durchaus angeraten scheint – muss zuerst sicher gestellt sein, dass das Verfahren sowohl aus dem Dunstkreis von esoterisch-alternativen und spirituellen Heilkünstlern als auch aus dem Markt hedonistischer Bedürfnisbefriedigung für übersättigte Wohlstandsbürger gelöst wird, und sich den Regeln der evidenz-basierten Medizin stellt, d.h. sich Qualitätssicherungsverfahren im Hinblick auf Therapie und Therapeuten unterzieht.

Aber selbst diese Forderungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ayurveda – trotz des sich entwickelnden wissenschaftlichen Fundaments - in die Weltvorstellungen der indischen Kultur eingebunden sind und damit zwangsläufig Kompatibilitätsprobleme mit westlichen Weltvorstellungen auftreten werden.


Was dem Ayurveda allerdings einen unschätzbaren Vorsprung vor anderen alternativen Heilverfahren schafft, ist einerseits seine Bereitschaft, seine Fundamente innerhalb wissenschaftlicher Strukturen zu systematisieren und sich dadurch zu entwickeln und andererseits nicht durch die dogmatische Engstirnigkeit personenfixierter Heilsverfahren behindert zu sein.



Gerne zu Beantwortung von Fragen bereit,

Pianoman

Geändert von Pianoman (05.06.2007 um 13:46 Uhr).
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