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Thema: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen...

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In dieser Diskussion geht es um "Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen..." im "Alternativmedizin kritisch betrachtet" Forum, als Teil von Patientenfragen.net
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  1. #1
    Glaubt an nix!
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    maennlich
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    15.04.2007
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    Standard Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen...

    "Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein!"

    Dieses Bonmot kommentiert satirisch eine unübersehbare Tendenz unserer Gesellschaft, jeder irrationalen Idee - ohne tiefergehende Auseinandersetzung - eine grundsätzliche Existenzberechtigung einzuräumen.

    Der Glaube an Pseudowissenschaften ist weit verbreitet und wächst weiter: Bei Untersuchungen in westlichen Kulturen wird seit den 90er Jahren mehr oder weniger regelmässig festgestellt, dass zwischen einem Viertel und der Hälfte der Befragten außersinnliche Wahrnehmung oder UFOs für wahr bzw. real zu halten. Dies äußert sich in der hohen Anzahl positiver Antworten auf Fragen, anhand derer festgestellt werden sollte, ob die Befragten an außersinnliche Wahrnehmung und übernatürliche Kräfte glauben (60 %), sowie daran, dass es sich bei Himmelsobjekten um Raumfahrzeuge anderer Zivilisationen handelt (30 %).
    Hinter diesen Überzeugungen, auf die auch die Darstellung in Zeitungen und vor allem im Fernsehen großen Einfluss hat, verbergen sich nicht nur große Defizite im Faktenwissen, sondern auch Lücken im Hinblick auf grundlegende wissenschaftliche Konzepte. Beispielsweise kann nur etwa ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung die Vorgehensweise bei einer wissenschaftlichen Untersuchung erläutern.

    Der Boden ist im Westen, so auch in Deutschland, derzeit also fruchtbar für mannigfaltige Irrationalismen: Laut einer Infratest-Dimap-Umfrage glauben 29 % der Deutschen nicht, dass Affe und Mensch gemeinsame Vorfahren haben.
    Dafür haben sie aber enorme Phantasie und verbinden vielfältige Hoffnungen und Heilserwartungen mit dem „New Age“: Jeder zweite Deutsche glaubt nämlich an außerirdische Wesen, jeder dritte an UFOs, jeder siebte an Magie und Hexerei, andere fürchten sich vor Erdstrahlen, über 35 % halten die Zukunft für vorhersehbar, 20 % glauben an Kontakte zum Jenseits.

    Ganz besonders von den Auswüchsen des Irrationalismus ist der medizinische Bereich betroffen.
    Laut einer Focus -Umfrage (14/1996) halten 52 % der Deutschen sogenannte ganzheitliche Heilmethoden wie Bach-Blüten-Therapie, Ayurveda und Homöopathie für echte Alternativen zur evidenzbasierten Hochschulmedizin. 41 % meinen, "dass manche Menschen heilende Fähigkeiten besitzen, also z.B. durch Besprechen, Beschwören oder Handauflegen bestimmte Krankheiten heilen können".

    Dass diese u. die meisten anderen Therapien der sogenannten "alternativen Medizin"
    im Widerspruch zu wesentlichen Naturgesetzen stehen, und, denkt man die Theorien der "Alternativen" konsequent zu Ende, Leben so wie wir es kennen, unmöglich machen, scheint entweder kaum jemanden zu stören, oder ist ein definitives Zeichen für einen schlechten Informationsstand.

    Ziel dieses Threads ist die Information und Diskussion über die theoretischen Grundlagen alternativer Heilverfahren sowie die Darstellung des Konflikts mit den etablierten Natur- und Geisteswissenschaften.

    Ich werde in unregelmässigen Zeitabständen bestimmte Therapie-Modelle hinsichtlich der dahinterstehenden Weltbilder analysieren ubnd diese Analysen zur Diskussion stellen.


    Pianoman
    Geändert von Pianoman (07.05.2007 um 12:17 Uhr)

  2. #2
    Monsti
    Gast

    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    ... eine unübersehbare Tendenz unserer Gesellschaft, jeder irrationalen Idee - ohne tiefergehende Auseinandersetzung - eine grundsätzliche Existenzberechtigung einzuräumen.


    Ich bezweifle, dass dies eine Tendenz i.S. eines Entwicklungstrends ist - es war schon immer so, dass nicht wenige Menschen fest daran glaubten, dass es Phänomene gibt, die per ratio unerklärbar sind.

    Ich persönlich glaube nicht nur daran, sondern ich weiß, dass es diese Phänomene gibt, da ich's schon vielfach an mir selbst erfahren habe. Natürlich haben sie für mich eine Existenzberechtigung, auch wenn ich mich nicht der Lage sehe, mich tiefergehend mit ihnen auseinanderzusetzen.

    Angie

  3. #3
    Glaubt an nix!
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    maennlich
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    15.04.2007
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Lieber Leser,

    wie angekündigt, stelle ich mit der Homöopathie heute das erste "alternative" Heilverfahren vor.

    Weil die Homöopathie auf einer umfangreichen Theorie basiert, habe ich, um die Länge des Beitrags in Grenzen zu halten, eine Teilung vorgenommen.
    Zuerst werde ich das simile-Prinzip zur Diskussion stellen, in einem zweiten Teil erfolgt die Auseinandersetzung mit der ritualisierten homöopathischen Medikamentenherstellung, dem Potenzierungsverfahren.


    Am Anfang der Irrtum; das simile-Prinzip.

    Etwa um 1790 entwickelte der aus Sachsen stammende Arzt Samuel Hahnemann, wohlmöglich auf Grund des Unbehagens gegenüber den brachialen ärztlichen Methoden der damaligen Zeit (Aderlass, Klistier, Verabreichung von Brech- und Abführmitteln), ein grundlegend neues therapeutisches Konzept, dass auf einer in Selbstversuchen gewonnen Erfahrung beruhte, nach denen pharmakologisch wirksame Substanzen (also Arzneistoffe), die in höherer Dosierung bei einem gesunden Menschen die Symptome einer bestimmten Erkrankung auslösen, in niedriger Dosierung in der Lage sind, die Symptome einer Krankheit zu eliminieren, und damit die Krankheit selbst zu heilen.

    Dementsprechend lautete der von Hahnemann im Jahr 1796, der "Geburtsstunde der Homöopathie", formulierte, elementare Gedanke seiner Therapie:

    " Similis similbus curantor. " (lat.: Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden.)

    Der erste der oben angesprochenen Hahnemannschen Selbstversuche bestand in der Einnahme von Chinarinde, deren Bestandteil Chinin, ein Alkaloid, u.a. fiebersenkende Wirkung hat, und deshalb als Chemotherapeutikum bei der Behandlung der Fieberschübe einer Malaria-Erkrankung eingesetzt wird.
    Hahnemann jedoch stellte bei seinem Selbstversuch fest, dass die mehrfache Einnahme von Chinarinde bei ihm anstatt der erwarteten Fiebersenkung einen Anstieg der Körpertemperatur zur Folge hatte. Wahrscheinlich durch die Einnahmezyklen provoziert, entwickelte er nach seiner Auffassung Symptome, die dem Wechselfieber der Malaria ähnlich waren.
    Allerdings diagnostizierte er dieses Fieber - mangels Messgerät - nicht durch eine Temperaturmessung, sondern durch die Interpretation einer anderen physiologischen Erscheinungen, nämlich durch einen erhöhten Puls. Ein erhöhter Puls ist aber als Folgeerscheinung der Einnahme dieses Alkaloids bekannt. Es spricht viel dafür, dass Hahnemann überhaupt nicht fieberte, und er seine physiologische Reaktion einfach falsch interpretierte. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass es bisher nicht ein einziges Mal gelungen ist, das damalige Experiment mit dem gleichen Ergebnis wie Hahnemann nachzuvollziehen.
    Ein aktueller Versuch dazu wurde von Pharmakologen der Universität Gießen Dr. med. Hans Joachim Krämer und Prof. Dr. med. Ernst Habermann im Jahr 1997 durchgeführt; übrigens mit dem Ergebnis, das die wissenschaftliche Medizin prognostizieren konnte: Chinin löst kein Fieber aus. Weder bei Gesunden, noch bei Kranken.

    Hahnemann war allerdings so von seinem Ergebnis überzeugt, dass er an diesem Konzept festhielt und es zur zentralen Säule der Homöopathie erklärte.

    Natürlich kam es - eben weil die auf dem ersten Versuch aufbauende Annahme falsch war - bei der Fortsetzung der Selbstversuche zu erheblich anderen Erscheinungen, als erwartet.
    Um das Konzept zu retten, reduzierte Hahnemann nicht nur - aus nachvollziehbaren praktischen Erwägungen - die Konzentrationen seiner Medikamente - sowohl bei der Behandlung der Kranken als auch innerhalb der sogenannten Arzneimittelprüfungen - er führte auch Erklärungsmodelle ein, die begründen sollten, warum auch ein extrem verdünnter Stoff eine Wirkung auslösen konnte: Hahnemann, Kind seiner Zeit, und damit noch stark beeinflusst von der Alchemie des Mittelalters, erklärte die Wirkung seiner Zubereitungen mit einer geistartigen Kraft, die in der Vorstellung der Alchemie auch unbelebter Materie innewohnt. Um eine innere Konsistenz in seiner Theorie zu schaffen, erklärte er auch die vielfältigen Erkrankungen, die sich Menschen zuziehen können, allgemein als Störung einer geistartigen Lebenskraft, die mit Hilfe der geistartigen Kraft der Medikamente beseitigt werden könnte.

    Allerdings hatte Hahnemann weder ein konkretes Bild von Humanpathologie, er hatte keine Vorstellung von Biochemie, von Mikrobiologie, vom Zellstoffwechsel, von Genetik, von der Existenz von Mikroorganismen (deren mögliche Existenz er konkret ablehnte), vom Atommodell, vom Massewirkungsgesetz und - ganz allgemein - von fast allen anderen Naturgesetzen, die heute fundamental unsere Auffassung von Natur und Kosmos bestimmen.

    Genau hier liegt das zentrale Problem der Homöopathie: Weil das Konzept von Hahnmann auf einer metaphysisch-mystischen Vorstellung von Naturprinzipien beruht, ist es nicht entwicklungsfähig und hat konsequent alle Erkenntnisse der letzten 200 Jahre, die sich in der Biologie, der Medizin, der Physik oder Chemie etabliert haben, ignoriert.

    Was Sie deshalb glauben müssen, wenn Sie nach homöopathischen Vorstellungen therapiert werden:

    Similia similibus curentur
    - Unabhängig von der Krankheitsursache helfen gegen die Symptome einer Krankheit Substanzen, die bei anderen Menschen ähnliche Symptome ausgelöst haben. Was ähnlich ist, unterliegt dabei der Interpretation des behandelnden Homöopathen.

    Das Symptome ist die Krankheit
    - Dabei spielt es keine Rolle, dass der Mensch nur über eine begrenzte Anzahl von Symptome - also physiologische oder psychische Erscheinungen - verfügt, deren Ursache sehr unterschiedlicher Natur sein können. Was als Ursache eines Symptoms anzusehen ist, unterliegt der Interpretation des behandelnden Homöopathen. Im Rahmen des Homöopathischen Theoriegebäudes kommen dafür nur geistartige Verstimmungen infrage.

    Magie: Eine "geistige Kraft" der Arzneimittel, paßt zur "geistigen Herkunft" der Krankheiten
    - Andere Krankheitsursachen existieren im Gedankengebäude der Homöopathie nicht.
    Als Beispiel für diese Denkweise sei hier eine homöopathische Diagnose dargestellt:

    Zitat: Ein sehr einfaches Beispiel zur Illustration: Eine Patientin kommt in die Praxis, weil sie über Halsschmerzen klagt, die seit drei Tagen immer schlimmer werden. Mir fällt schon ihre etwas mürrische, abwehrende Art auf. Ich lasse sie erzählen: Die Halsschmerzen stechen, besonders beim Schlucken, und werden schlimmer, wenn sie den Kopf bewegt. Außerdem klagt sie über furchtbaren Durst. Einen Grund für die Halsschmerzen sieht sie nicht, sie habe sich nicht erkältet und habe auch sonst keine weiteren Symptome. Auf Befragen erklärt die Patientin, daß sie sich allgemein jetzt nicht gern bewege und daß ihr der Weg in meine Praxis schon zu viel gewesen sei. Das entspricht meiner anfänglichen Wahrnehmung ihrer Stimmung. Das homöopathische Arzneimittel, welches ihr helfen wird, ist Bryonia, die Zaunrübe. Die typischen Zeichen dieses Mittels sind so gut bekannt, daß ich es auch nicht eigens nachlesen muß. Um sicher zu gehen, frage ich sie noch, ob sie in dieser Erkrankung lieber allein oder in Gesellschaft sei; und sie bestätigt meine Vermutung, daß sie am liebsten in Ruhe gelassen werde und sonst ziemlich grantig reagiere. Ich bin damit aber noch nicht zufrieden, weil ich noch eine andere Stimmung im Hintergrund spüre, und bin deshalb sicher, daß das noch nicht die ganze Geschichte ist. Wie ich diese Patientin kenne, glaube ich, daß es für sie wichtig und hilfreich wäre, wenn sie das Gesamtbild ihrer Halsschmerzen weiter spannen könnte. Deshalb bitte ich sie, von ihren Erlebnissen und Stimmungen der letzten Tage zu erzählen. Darauf berichtet sie, daß sie in Kürze in ein neues Haus ziehen wollen, dessen Finanzierung zwar gesichert sei, doch würde sie sich trotzdem viele Gedanken darüber machen. Gerade vor drei Tagen hätten ihr Mann und sie einen Termin bei der Bank gehabt. Während sie dies erzählt, fällt ihr selbst auf, daß die Halsschmerzen genau seit diesem Termin aufgetreten sind. Sie lacht über dieses Aha-Erlebnis, bekommt ihr Mittel und geht nach Hause. – Vom Arzneimittelbild "Bryonia" sind Ängste um den Besitz und das Geschäft bekannt. Im Bilde gesprochen: Für die Zaunrübe ist der Gartenzaun sehr wichtig, denn an ihm muß sie emporranken.

    Für die Mittelwahl ausschlaggebend war nicht das Auftreten von Halsschmerzen an sich, sondern der typische stechende Schmerzcharakter, der sich ebenso in der Blase oder bei Husten hätte zeigen können, sowie der starke Durst und die Verschlimmerung der Beschwerden durch jede Bewegung.

    Zitat aus : Die andere Wirklichkeit der Homöopathie / Jörg Wichmann
    (Bergische Homöopathieschule)



    Anmerkung: Aufgrund der Symptome handelte es sich wahrscheinlich um eine Pharyngitis, eine meist schmerzhafte, aber in der Regel harmlose, durch Viren und/oder Bakterien hervorgerufenen Entzündung der Rachenschleimhaut.
    Die Therapie erfolgt symptomatisch mit fiebersenkenden und schmerzlindernden Medikamenten, desinfizierenden Mundspülungen, ggf. mit schmerzstillenden und desinfizierenden Lutschtabletten.
    Liegt eine schwerwiegende bakterielle Infektion vor, wird ggf. eine Antibiotikatherapie durchgeführt. Die Erkrankung heilt im allgemeinen - auch ohne ärztliche Intervention - in etwa 3-5 Tagen.



    Der Konflikt mit den Natur- und Geisteswissenschaften:

    Homöopathie geht per definitionem von den Symptomen der Krankheit aus und lehnt kausales Ursachendenken ab.

    Die Theorie, dass Gleiches mit Gleichem kuriert werde und dass beim "Potenzieren" sich "feinstoffliche Information" vom Wesen der Ursubstanz auf den Verdünnungsstoff übertrage, wobei "Stoffliches sich schrittweise in Unstoffliches verwandle", ist wissenschaftlich unbelegt.

    Unterschiedlichste Homöopathieschulen melden ähnliche Heilerfolge wie andere paramedizinische Methoden, die vermutlich alle auf Placebo-Effekten beruhen.

    Homöopathie ist eine irrationale, dogmatische, autoritäre, in sich geschlossene Heilslehre, die keinen Widerspruch zuläßt und damit gegen die Prinzipien aufgeklärter, falsifizierungsfähiger Wissenschaft verstößt.

    Wer an die Homöopathie glaubt, ist, bewußt oder unbewußt skeptisch gegenüber der Wissenschaftlichen Medizin: Mit der Angst vor der "schädlichen Chemie" ist ein "Nocebo-Effekt" verbunden, der die Wirkung von gut bewährten konventionellen Verfahren beeinträchtigen kann.

    Bei ernsten Erkrankungen wird die Therapie oft fahrlässig verzögert, was bei nicht wenigen Patienten zum Tod geführt hat

    Es entstehen Kosten ohne belegten Nutzen.


    Ich hoffe, damit erst einmal genügend Diskussionsstoff geliefert zu haben.
    Im übrigen weise ich aus gegebenem Anlass darauf hin, dass ich mich bemühe, einen Sachverhalt objektiv darzustellen, mich also an die mir und möglichst auch der Allgemeinheit bekannten Fakten halte.
    Weiterhin werde ich es so weit wie möglich vermeiden, wertende Schlußfolgerungen zu ziehen. Jeder Leser möchte sich bitte selbst ein Bild machen. Für ergänzende Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung.

    Pianoman
    Geändert von Pianoman (20.05.2007 um 12:10 Uhr)

  4. #4
    Glaubt an nix!
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Homöopathie, 2. Teil: Heilmittel / Potenzierungsverfahren

    Leider musste ich bei der Bearbeitung feststellen, dass noch eine Teilung des Themas notwendig ist.
    Dieser 2. Teil beschäftigt sich mit der Entwicklung homöopathischer Heilmittel. Das Potenzierungsverfahren wird dann in einem wirklich letzten Abschnitt behandelt.


    Die zweite Säule der Homöopathie ist die Feststellung der Heilwirkung einer beliebigen Substanz und das Ritual der Wirksamkeitserhöhung durch den Vorgang des Potenzierens.
    Dabei ist besonders der Vorgang des Potenzierens für die Naturwissenschaften eine erhebliche Herausforderung, weil - sollte dieser Prozess tatsächlich funktionieren - allgemein gültige Naturgesetze in erheblichem Maß für unvollständig oder falsch erklärt werden müssten. Die Konsequenz wäre, dass weder biochemische Prozesse im lebenden Organismus so verlaufen könnten, wie wir es derzeitig immer und überall erleben, noch dürften die meisten chemisch-physikalischen Reaktionen, die tagtäglich in unzähligen Labors und Industrie- Anlagen für technische oder pharmakologische Produkte sorgen, funktionieren.

    1. Homöopatische Heilmittel
    Die Homöopathie geht davon aus, dass mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Substanzen, die von einem gesunden Menschen eingenommen werden, bestimmte Reaktionen „Symptome“ im Organismus hervorrufen, die entweder physischer oder psychischer Art sein können. Ähneln diese „Symptome“ den Begleitsymptomen einer Erkrankung, ist die Substanz in der Lage, die Krankheitssymptome und damit die Krankheit zu beseitigen. Hahnemann begründet dieses Prinzip mit folgender Annahme: Wenn im Körper zwei Krankheiten wirken, die unterschiedliche Ursachen haben, heben sich die Krankheiten gegenseitig auf. Dabei ist die eine Krankheit im Köper manifest, die andere wird quasi durch das Heilmittel hinzugefügt.

    Den Testvorgang für Substanzen nennt man „Arzneimittelprüfung am Gesunden“, die Zuordnung der geprüften Substanz zur den Symptomen einer Krankheit heißt „Repertorisierung“ (Im 1. Abschnitt zur Homöopathie ist dieser Vorgang anhand eines Beispiels beschrieben).
    Möglicherweise um innerhalb einer Arzneimittelprüfung die Prüfer nicht zu gefährden, wird mit sehr stark verdünnten, in der Sprache der Homöopathen allerdings „hoch potenzierten“ Proben gearbeitet.
    Im Organon beschreibt Hahnemann in § 128: „So erforscht man jetzt am besten, selbst die für schwach gehaltenen Substanzen in Hinsicht auf ihre Arzneikräfte, wenn man 4 bis 6 feinste Streukügelchen der 30sten Potenz einer solchen Substanz von der Versuchs-Person täglich, mit ein wenig Wasser angefeuchlet, oder vielmehr in einer größern oder geringern Menge Wasser aufgelöset und wohl zusammengeschüttelt, nüchtern einnehmen und dies mehrere Tage fortsetzen läßt.

    Anmerkung dazu: Die Potenz D30 liegt jenseits der Avogadro-Grenze, so dass in der Probe keine Moleküle der Ursubstanz mehr vorhanden sind, aber - nach Vorstellung der Homöopathie – deren geistartige Abbilder.

    Registriert werden dann von den Prüfern sämtliche erlebten Befindlichkeiten physischer und psychischer Art, also körperliche Zustände, Gefühle, Stimmungen etc. Aus Übereinstimmungen mit den Ergebnissen anderen Prüfern werden dann signifikante Symptome abgeleitet.
    Dabei wird nicht auf mögliche andere Ursachen geachtet, sondern es wird angenommen, dass die Prüfsubstanz die Ursache für die jeweilige Befindlichkeit ist.

    Als Beispiel hier Auszüge aus einer Arzneimittelprüfung des Deutschen Wattwurms von Jutta Thiel:

    Befindlichkeiten:

    Ich fühle mich total glücklich, sehr glücklich, habe dieses selige Lächeln auf dem Gesicht.
    Prüfer 5, C12, 00:00:05

    Immer wieder dieses glücksselige Lächeln, ich lächle viel still in mich hinein.
    Prüfer 5, C12, 01:00:00

    Lachanfall, ich lache aus Fröhlichkeit, lache Tränen über die Anweisungen zur Arzneimittelprüfung die ich gerade durchlese, ich fühle mich sehr leicht und locker.
    Prüfer 13, C12, 00:00:24

    Stimmung wird stetig besser.
    Prüfer 1, C12, 01:02:00

    Den Regen am Nachmittag finde ich einfach toll. Bei warmem Wetter habe ich mich richtig nass regnen lassen. Das Wasser steht mir in den Schuhen, ich suche die Pfützen richtig, ich fühle mich sehr wohl dabei.
    Ich stehe mitten im Regen und rufe laut: "Mir geht es gut!"
    Prüferin 11, C12, 01:10:00

    Reagiere in einer Situation, die mir sonst peinlich gewesen wäre, mit Übermut.
    Prüferin 9, C30, 00:20:00


    Beim Kegeln hatte ich viel Kraft und Energie, mir gelang einfach alles, ich war die Beste,
    habe sogar jüngere Männer übertroffen. So gut war ich noch nie.
    Prüferin 2, C30, 00:12:00

    In den letzten Tagen fällt mir auf, dass ich viel entscheidungsfreudiger bin, konsequenter,
    ohne zu überlegen arbeite ich, miste eine Kiste, die schon ein Jahr auf der Veranda steht,
    aus, werfe einfach weg, sortiere gar nicht erst einen alten Nähkasten, der mich schon seit
    vielen Jahren ärgert, werfe ich mit Inhalt weg. Danach geht es mir sehr gut, alles erledigt,
    abgehakt. Streiche in der großen Hitze plötzlich eine Holzwand mit schwarzer Lasur, musste
    jetzt sofort sein.
    Prüferin 2, C30, 01:00:00

    Reagiere auf alles, wenn man mich anspricht, auf den Fernseher, niemand kann mir was
    recht machen, aggressiv, hektisch, ungeheurer Bewegungsdrang, kann nicht bei einer
    Beschäftigung verweilen, kann nicht sitzen bleiben, muss immer wieder aufstehen, dabei
    sehr viel Energie, viel Kraft. Während eines Besuches stehe ich plötzlich auf, führe ein
    klärendes Telefonat, teile der Person mit wie es mir mit ihr geht, habe mich sehr abgegrenzt,
    nicht überlegt, weiß jetzt nicht mehr was ich gesagt habe, danach Beruhigung, jetzt geht es
    mir richtig gut.
    Abends keine Lust meine Tochter ins Bett zu bringen, verspätet mache ich es doch, bin sehr
    lieblos, lege sie hin, und gehe einfach ohne Gruß.
    Prüferin 4, C30, 00:03:00

    Bei einem Kirchenbesuch ist mir zum Heulen zumute, habe Tränen in den Augen.
    Glockengeläut verstärkt das Gefühl der traurigen Grundstimmung. Habe die Lieder dann laut
    mitgesungen, was die gesamte Situation verbessert.
    Prüfer 1, C12, 00:23:30

    Ich vergesse beim Grillen den Gitterrost auf den Elektrogrill zu legen und lege das Fleisch
    direkt auf die Heizschlangen, rege mich darüber nicht einmal auf.
    Prüfer 13, C12, 02:00:00

    Leichter Dauerschwindel, das gesamte vordere Gehirndrittel fühlt sich unangenehm leicht
    an. Dabei das Gefühl mangelnder Augenkoordination. Bei anderweitig gebundener
    Konzentration nicht mehr wahrnehmbar.
    Prüfer 5, C12, 03:00:00

    Stechender Kopfschmerz in Schläfen und Stirn, dabei Schwindelgefühl. Schläfen sind
    berührungsempfindlich, Augen lichtempfindlich.
    Prüfer 8, C12, 00:22:45

    Die stechenden Schmerzen des äußeren Gehörganges des linken Ohres, hinter dem linken
    Ohr und des linken Kiefergelenkes wechseln sich miteinander ab.
    Prüferin 11, C30, 00:22:00

    Sehr starkes, unerträgliches Nasenjucken über Stunden, juckt wie verrückt, zieht innerlich
    zum linken Ohr. Reiben bessert nicht.
    Prüferin 4, C30, 01:00:00

    Starkes Vibrieren des rechten äußeren Schneidezahns.
    Prüfer 5, C30, 08:00:00

    Trinke sehr große Mengen auf einmal und bin nicht, wie gewohnt "satt" davon.
    Prüferin 10, C12, 03:00:00

    Stuhlgang wieder vor dem Frühstück, nach dem Essen übelriechender Durchfall, wie
    Wasser, schmerzlos.
    Prüferin 6, C12, 03:21:00

    Hitzegefühl in den linken Bronchien, Atem fühlt sich auf der Zunge heiß an, als ob ich Feuer
    ausatme.
    Prüfer 5, C30, 00:02:00

    Heftige Herzstiche, wie Messerstich, kurz aufeinanderfolgend, erschrecke mich, sage laut:
    "Aua!" Krümme mich und halte mir die Seite, mir kommt der Gedanke, wenn es noch mal
    sticht, dann höre ich auf zu atmen und bin tot.
    Prüferin 11, C30, 01:09:00

    Sehr, sehr kalte, schweißige und klebrige Hände, richtig nass. Bei Berührung zucken die
    Kinder zurück. Meine Frau bemerkt nach Berührung, dass sich meine Hände anfühlen, wie
    ein kalter, toter Fisch.
    Prüfer 13, C12, 01:00:45

    Nach dem Erwachen bin ich sehr kuschelig, brauche viel Körperkontakt.
    Prüferin 6, C12, 02:00:00


    Erotischer Traum von einem bekannten Mann, viele Gesichter, sehr schön.
    Prüferin 4, C12, 00:00:00

    Viel innerliche Wärme im Körper und Kopf, sehr angenehm, wohlig, Außentemperatur 30°C.
    Prüferin 4, C12, 00:02:00

    Supervisorin bemerkt, dass der Prüfer sehr heiter ist, lacht viel und macht ungewöhnliche
    Scherze, fast ein wenig albern. Dieser Eindruck bleibt für den Rest der Prüfung
    Prüfer 1, C12, 01:00:00

    Ich selbst habe aus der Prüfung ein mir unbekanntes Aggressionspotential mitgenommen.
    Einen Zorn, den ich kaum beherrschen konnte. Ich litt darunter.
    Später, nach drei Monaten erst, wurde mir klar, dass diese, mir fremden Emotionen,
    "Wattwurmsymptome" darstellen könnten.
    Ich nahm Arenicola marina C200.
    Unmittelbar danach lösten sich diese Gefühle auf, verpufften wie tausend Funken im Nichts.
    Kein Zorn, keine Wut trat bisher wieder auf.
    ( Jutta Thiel, Autorin)


    Ich denke, die Darstellung spricht für sich selbst.


    Sie zeigt auf jeden Fall, dass im Verfahren der Arzneimittelprüfung völlig alltägliche Ereignisse - ohne kritische Reflektion - in eine besondere Kausalität überführt werden. Dieses eigentümliche, von ausschließlich subjektivem Empfinden gesteuerte Erkenntnisverfahren ist dann die Ursache für sehr erstaunliche Phänomene in der homöopathischen Heilmittelsystematik:

    So werden einzelne Substanzen bei zum Teil sehr unterschiedliche Erkrankungen eingesetzt: Ischias wird ebenso behandelt wie Eifersucht bei Mädchen: mit Pulsatilla D6. Bei Keuchhusten und Ehesorgen hilft Ambra D3. Die Nux Vomica (Brechnuss) hilft gegen Verdauungsbeschwerden, Streitsucht, Hämorrhoiden, Kater, Migräne, verklebte Augenlider, Erkältungen, Darmverschluss, Prostatabeschwerden, Nierenkolik, Impotenz, Hexenschuss, Harnträufeln und Akne.

    Genau so werden aber auch definierte Krankheits-Symptome mit sehr unterschiedlichen Mittel behandelt:
    Nach Dorcsi (Homöopathie, 1990) wird der emotionale Affekt „Eifersucht“ in Abhängigkeit von Co-Faktoren in der Pubertät mit Bufo rana D12 (auch bei intellektuellem und moralischem Verfall), bei Mädchen mit Pulsatilla D4 (auch bei Ischias; D30:zum Trösten), im Klimakterium mit Lachesis D12, in Kombination mit Ehesorgen durch Ambra D3 (auch bei Keuchhusten), in Verbindung mit Enttäuschung durch Phosphor D4, in Verbindung mit Enttäuschung und Hysterie durch Ignatia D30, in Verbindung mit Geilheit im Alter durch Conium D4 (D12) oder Crocus D12, als Ausdruck einer Sexualneurose mit Staphisagria D12 (D6: bei Zahnschmerz), in Verbindung mit Nymphomanie durch Hyoscyamus D12 und in Verbindung mit dem Ausbleiben der Menstruation mit Phosphor D30 (D12: gegen Zahnfleischbluten) behandelt.

    Nun besteht ein wesentliches Argument der Homöopathie-Befürworter darin, sich auf die Ungefährlichkeit einer möglichweise nur auf Placebo-Effekte zurückzuführende Behandlung zu berufen. Homöopathika sei halt "sanft".

    Entgegen der Volksmeinung können aber Homöopathika gefährlich sein. Nicht selten enthalten sie giftige Stoffe wie Arsen, Antimon, Anilin, Blei, Cyanid, Phosphor, Quecksilber, Eiter, Extrakte von Mutterkorn, Osterluzei und Knollenblätterpilzen sowie andere Gifte in pharmakologisch relevanter Menge! Da erscheint es paradox, dem Laien Unbedenklichkeit vorzugaukeln. Im Rahmen einer Nutzen/Risiko-Abwägung gibt es hieraus nur eine Schlussfolgerung: Bei Methoden, deren Nutzen unbelegt oder gar widerlegt ist, sind auch geringe Risiken nicht zu tolerieren.

    Anmerkung: Ich verweise im Zusammenhang mit dem Hinweis auf "potentiell gefährliche/giftige Ursubstanzen" auf meinen Beitrag Nr. 13 im Thread "Placebo-Effekt von alternativen Therapieformen? " Dort ist eine Liste von Homöopathischen Substanzen zu finden.

    Ein weiteres Faktum ist ebenfalls bedeutsam: Könnten homöopathische Mittel positive Effekte vorweisen, wären sie längst von der Wissenschaftsmedizin übernommen worden. In ihrer langen Geschichte hat die Homöopathie aber in keinem einzigen Fall durch ihr Verfahren der Arzneimittelprüfung an Gesunden eine Therapie entdeckt, die Eingang in die Wissenschaftsmedizin gefunden hätte - nicht aufgrund dogmatischer Ablehnung, sondern weil glaubhafte Nachweise der Wirksamkeit - über Placebo-Effekte hinaus - ausstehen. Es erscheint grotesk, dass Homöopathen in aller Welt mit Mühe und grösstem Einfühlungsvermögen diejenigen Globuli heraussuchen, die nach ihren Kompendien ganz individuell für die Beschwerden ihrer Patienten passen - und man sie ohne Nachteil - gegen x-beliebige andere Globuli austauschen kann.


    Was Sie deshalb glauben müssen, wenn Sie nach homöopathischen Vorstellungen therapiert werden:

    Eine Krankheit lässt sich durch eine andere Krankheit mit ähnlichen Symptomen beseitigen.

    Eine einzige Substanz kann gegen viele sehr unterschiedliche Krankheitssymptome helfen, genau so kann es aber auch sein, dass von Fall zu Fall gegen ein und dieselbe Erkrankung sehr unterschiedliche Substanzen verordnet wurden.

    Die Ursache der Krankheit spielt bei der Auswahl des Heilmittels kein Rolle, sondern nur die Symptome, die von Gesunden nach der Einnahme einer Substanz aufgezeichnet werden.


    Der Konflikt mit den Natur- und Geisteswissenschaften:

    Homöopathie geht per Definition von den Symptomen der Krankheit aus und lehnt kausales Ursachendenken ab. Alle Krankheiten aber haben Ursachen, und dort setzt die Wissenschaftsmedizin an. Die Vorstellung, Krankheiten allein durch Beseitigen ihrer Symptome zu heilen, ist absurd und eigentlich der große Widerspruch zur Behauptung der Homöopathie, "ganzheitlich" zu denken.

    Homöopathische Ursubstanzen bestehen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Atome und chemischen Verbindungen. Auch in reinstem Wasser und Alkohol, die man bei der Herstellung der Heilmittel verwendet, kommen in Spuren fast alle wichtigen, natürlichen Elemente vor, die es gibt. Woher "weiss" das Heilmittel, dass nur es allein wirken soll? Ein isoliertes Gedächtnis der Materie ist außerhalb der homöopathische Theorie bisher nicht bekannt geworden, d.h. es ist noch in keinem anderen chemischen oder physikalischen Zusammenhang und Verfahren je bemerkt worden. Es gibt auch keinerlei Nachweise für dessen Existenz.

    Homöopathische Arzneimittel jenseits der Potenz D6 haben keinerlei spezifische Wirkung, jeneits der Potenz D23 keine Moleküle der Ursubtanz mehr, obwohl immer eine biochemische Wirkung angenommen wird.
    Was genau wirkt, kann die Homöopathie nicht beschreiben. Wie sich der Konflikt mit dem Massewirkungsgesetz naturwissenschaftlich auflösen lässt , kann die Homöopathie nicht beantworten.

    Die Theorie, dass Gleiches mit Gleichem kuriert werde und dass beim "Potenzieren" sich "feinstoffliche Information" vom Wesen der Ursubstanz auf den Verdünnungsstoff übertrage, wobei "Stoffliches sich schrittweise in Unstoffliches verwandle", ist wissenschaftlich unbelegt. Wer heute noch an die vitalistische "immaterielle Lebenskraft" im Sinne Hahnemanns glaubt, der ignoriert wesentliche Erkenntnisse der Physik, Chemie und Biologie der letzten 200 Jahre

    Wer an die Homöopathie glaubt, wird - bewusst oder unbewusst - skeptisch gegenüber der wissenschaftlichen Medizin. Mit der Angst vor der "schädlichen Chemie" ist aber ein "Nocebo-Effekt" verbunden, der die Wirkung von gut bewährten konventionellen Verfahren mindert oder sogar ganz aufhebt.


    Für ergänzende Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung.



    Pianoman


    Geändert von Pianoman (29.05.2007 um 13:08 Uhr)

  5. #5
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Homöopathie Teil 3: Hochpotenzen

    In diesem letzten Teil soll es um das Phänomen der Hochpotenzen in der homöopathischen Arzneimittellehre gehen.

    Im Umgang mit der Theorie der Hochpotenzen entstehen die größten Konflikte mit den Naturwissenschaften, weil hier die Homöopathie den gesicherten Boden der Erkenntnis am deutlichsten verlässt und dabei zwangsläufig wesentliche Gesetze der Physik, Chemie und Biologie als falsch oder grob unvollständig annimmt.

    Die Hypothese lautet:

    1. Wenn eine Lösung einer Substanz nach einem ritualisierten Verfahren in mehrfachen Schritten verdünnt und dann bei jedem Verdünnungsschritt geschüttelt wird, nimmt die therapeutische Wirksamkeit der Lösung trotz der damit verbundenen Reduzierung des wirksamen Arzneistoffes zu.

    2. Auch wenn nach der entsprechenden Zahl von Verdünnungsschritten kein Arzneistoff mehr vorhanden ist, potenziert (verstärkt) sich die Wirkung weiterhin.

    3. Es gibt keine therapeutische Grenze für die Verdünnungsschritte. Je höher die Potenz - also je mehr Verdünnungsschritte vollzogen wurden - desto wirksamer das Präparat.

    4. Ausschlaggebend für die Wirkung der Hochpotenzen ist der rituelle Verdünnungsprozess. Eine direkte Verdünnung zur angestrebten Potenz unter Auslassung der Zwischenschritte führt nicht zur angenommenen Wirksamkeitserhöhung.

    5. Die Wirksamkeitserhöhung bezieht sich immer nur auf die Ursubstanz. Alle anderen Stoffe, die sich auch (zwangsläufig) in der Lösung befinden, werden nicht verstärkt.

    6. Auch werden bestimmte negative Eigenschaften homöopathischer Ursubstanz (Giftwirkung) nicht verstärkt.

    7. Die erzeugten pharmakologischen Eigenschaften der jeweiligen Verdünnung sind dauerhaft, d.h. mindesten 5 Jahre nach deren Herstellung vorhanden.

    Begründet wird dieser Prozess mit einer aus den Vorstellungen der mittelalterlichen Alchemie stammenden "geistartigen Kraft", die auch in unbelebter Materie zu finden ist. Diese "geistartige Kraft" überträgt sich auf das Lösungsmittel, dass somit über die Erinnerung an die pharmakologische Wirksamkeit der Ursubstanz verfügt. Auch die "geistartigen Kraft" ist in der Lage, sich zu multiplizieren, so dass die Anwesenheit der Ursubstanz zur Weitergabe der Erinnerungen nicht nötig ist.


    Der Konflikt mit den Natur- und Geisteswissenschaften:

    Insgesamt ist sowohl der Herstellungsprozess von Hochpotenzen als auch deren zugedachte Eigenschaften weder mit der allgemeinen Erfahrungswelt des Menschen noch mit spezifischen Naturgesetzlichkeiten in Einklang zu bringen:

    1. In der gesamten Physik bzw. Chemie ist die Verschiedenartigkeit einer Lösung unbekannt, die sich aus dem Unterschied zwischen einer gerührten oder geschüttelten Vermischung ergibt. Wenn "Schütteln" als Verarbeitungsschritt eine eigenständige Mischform darstellen würde, müsste die Auswirkungen dieses Vorgang auch außerhalb der Homöopathie registriert werden können.

    2. In der gesamten Physik bzw. Chemie ist kein Unterschied einer Lösung bekannt, der sich aus der Art und Weise ihre Verdünnungsprozesses ergeben würde. Eine Lösung, die in einem Zug 1:1000 verdünnt wurde, unterscheidet sich nicht von einer Lösung, die man 3x nacheinander jeweils 1:10 verdünnt hat. Wenn der schrittweise Verdünnungsprozess eine Relevanz für die Zusammensetzung einer Lösung hätte, müsste dieser Vorgang auch außerhalb der Homöopathie verzeichnet werden können.

    3. In der allgemein erfahrbaren Lebenswelt wie auch unter den Laborbedingungen der gesamten Physik bzw. Chemie ist kein Prozess bekannt, in dem bei kontinuierlicher Verringerung der Konzentration einer Substanz bzw. vor allem bei deren Abwesenheit eine kontinuierliche oder sogar exponentiale Wirkungserhöhung verzeichnet werden kann. Wäre diese Eigenschaft von Materie vorhanden, müsste dieser Vorgang auch außerhalb der Homöopathie verzeichnet werden können.

    4. In der gesamten Physik bzw. Chemie ist keine geistartige Kraft eines Atoms, von Molekülen oder Gemischen (weder in Anwesenheit noch in Abwesenheit der Urtinktur) bekannt. Ganz im Gegenteil, die Alchemie, als Vorgängerin der heutigen Chemie, scheiterte vor allem an der Tatsache, dass ihr Annahme, chemische Reaktionen sein durch die Veränderung der geistartigen Eigenschaften der Materie zu erreichen, sich als falsch und untauglich für die Erklärung chemischer Prozesse herausstellte.

    5. Es gibt keinen begründeten Anlass, anzunehmen, dass Wasser als Lösungsmittel über das ihm zugeschriebene Gedächtnis verfügt. Im Gegenteil neueste Forschungsergebnisse deuten nämlich darauf hin, dass Wasser eher vergesslich ist. Einem Team um den Physiker Thomas Elsässer vom Max-Born-Institut in Berlin-Adlershof gelang es, die Moleküle eines dünnen Wasserfilms lokal zu bestimmten Schwingungen anzuregen, also Informationen zu speichern. Mit einer trickreichen Apparatur maßen die Forscher, wie lange diese Schwingungsveränderung gespeichert bleibt - ganze 50 Femtosekunden. Eine Femtosekunde ist der millionste Teil einer milliardstel Sekunde. Elsässer bestreitet deshalb, dass die Information eines Wirkstoffs in einer Hochpotenz noch existent sein könnte. "Unsere Ergebnisse zeigen explizit, dass es diesen molekularen Abdruck im Wasser nicht gibt. Dieses Phänomen kann man mit Sicherheit ausschließen."
    Dieses Ergebnis hat seine Ursache darin, das Wassermoleküle ständig in Bewegung sind und die Wasserstoffbrücken, die Wassermoleküle kurzfristig aufbauen, eben nur eine durchschnittliche Bindungsdauer von etwa 50 Femtosekunden haben.
    Alle diesbezüglichen Versuche von Befürwortern der Homöopathie (Benveniste,1988, Ennis 2001, Rey 2003, Schmidt, Süß und Nieber 2004) deren positive Nachweise für das Vorhandensein eines Wassergedächtnisses jeweils lautstark gefeiert wurden, haben sich nach Überprüfungen als fehlerhaft und nicht reproduzierbar herausgestellt.


    6. In der gesamten Physik bzw. Chemie ist kein Prozess bekannt, bei dem in einem Lösungsgemisch durch irgendein Verfahren eine Unterscheidung der Urtinktur von den Nebenbestandteilen stattfindet, der dazu führen würde, dass sich die Konzentration ausschließlich eines Bestandteils verändern würde, alle anderen Bestandteile aber auf ihrem ursprünglichen Konzentrationsniveau verblieben. Wäre diese Eigenschaft von Materie vorhanden, müsste dieser Vorgang auch außerhalb der Homöopathie verzeichnet werden können.

    7. Weiterhin stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die meisten Hochpotenzen der Homöopathie überhaupt in den häufig verwendeten Potenzen oberhalb D23 herzustellen sind.

    Dazu folgende Überlegungen:

    Während des Vorgang des Verdünnens bzw. Potenzierens wird eine Ausgangsverdünnung mit einem reinen Lösungsmittel gemischt. Das ist selbstverständlich nur möglich, wenn das zum Verdünnen verwendete Lösungsmitteln nicht bereits selbst die gelöste Substanz in der gleichen Konzentration enthält, wie die Ausgangslösung.

    Wasser, das im homöopathischen Verdünnungsprozess eingesetzt wird, ist im Regelfall Wasser aus dem Trinkwasserleitungsnetz. Trinkwasser wird aus Grundwasservorräten, aus Stauseen oder aus Uferfiltraten von Flüssen gewonnen. Auf dem Weg dahin nimmt Wasser unzählige Substanzen auf, die durch die Wasserbewegungen beim Durchfluß von Bächen und Flüssen, Staustufen etc. intensiv vermischt und "geschüttelt" werden. Durch zulaufendes Wasser wird gleichzeitig eine Verdünnung erreicht. Nach
    homöopathischen Vorstellungen entstehen genau unter diesen Bedingungen "Abbilder" der Substanzen, die im Wasser enthalten sind.

    Würden nun beispielsweise Tollkirschen (Belladonna) in einem Wassergewinnungsgebiet vom einem Busch fallen, und deren Inhaltsstoffe vom Regenwasser mitgespült und in einen Bach geraten, müsste davon ausgegangen werden, dass der Wirkstoff der Tollkirsche, Atropin, in einer bestimmten, wenn auch geringen Konzentration im Trinkwasser vorhanden ist.

    Gehen wir weiterhin davon aus, dass aus diesem Trinkwasser in einer Apotheke eine homöopathische Belladonna-Lösung in der Potenz D100 hergestellt werden soll.

    Wenn nun die Menge Atropin (etwa 2 mg), die in einer einzige Tollkirsche enthalten ist, mit einer Wassermenge gemischt wird, die dem Jahresverbrauch an Trinkwasser einer mittleren Großstadt mit etwa 500.000 Einwohner entspricht (etwa 35 Millionen Kubikmeter), so entsteht aus diesem Trinkwasser eine ca.10 hoch minus 20 molare
    Atropinlösung. Jeder Liter dieses Wassers enthielte dann etwa 1000 Moleküle Atropin (und nach homöopathischer Lehre eine unbekannte Anzahl von "Abbildern").
    Das entspricht einer Belladonna-Potenz von etwa D17. Würden mehrere Tollkirschen ins Trinkwasser fallen, müsste natürlich von einem höheren Wert ausgegangen werden.
    Wenn dann in der Apotheke beim Verdünnen bzw. Potenzieren des Belladonna-Präparats die Belladonna-Potenz dieses Trinkwassers erreicht wird, ist eine weitere Potenzierung nicht mehr möglich, da ja bei jedem Potenzierungsschritt mindestens wieder eine D17-Lösung zugeführt wird.

    Da ohne intensive Analysetätigkeit kaum je nachzuvollziehen ist, welche Minimalspuren von verschiedensten Stoffen im Trinkwasser vorhanden sind, ist im Grunde auszuschließen, dass die präzise angegeben Potenzierungsstufen für die meisten Ursubstanzen überhaupt erreicht werden können.

    8. Weiterhin ist bis jetzt ungeklärt, was eine Hochpotenz, die nicht genau dem Symptombild (z.Bsp. bei einer möglichen Fehldiagnose) der zu therapierenden Erkrankung entspricht, im menschlichen Organismus auslöst. Nach dem Verständnis der Homöopathie müsste dadurch ein Krankheitsbild entstehen, da es sich de facto um eine Arzneimittelprüfung am Gesunden (gesund im Hinblick auf das Arzneimittelbild der Hochpotenz) handelt.
    Damit besteht - im Gegensatz zu der ständig wiederholten Feststellung, Homöopathika sei sanft, ohne Nebenwirkungen und deshalb risikolos - die Gefahr, dass der Patient zu der vorhandenen Krankheit auch noch eine weitere bekommt.

    9. Zuletzt muß noch auf einen anderen wesentlichen Punkt hingewiesen werden:
    Nach Auffassung der Hochschulmedizin ist die pharmakologische Wirkung eines Stoffes auf eine Interaktion zwischen zellulären Strukturen und der Substanz zurückzuführen. Für derartige Wechselwirkungen ist eine bestimmte Stoffkonzentration nötig.
    Würde die Potenzierung von Stoffen in Wasser funktionieren, würde jeder Tropfen Wasser dieser Welt über eine ungezählte Anzahl von geistartigen Abbildern verfügen.
    Da der Mensch aus etwa 60% Wasser besteht, würden ständig alle möglichen Substanzen mit ungeheuerem Wirkungspotential im Körper vorliegen. Damit aber wären spezifische biochemische Reaktionen weder möglich noch steuerbar, weil unsere Zellen auf das Vorhandensein und genau so auch auf die Abwesenheit bestimmter Stoffe zu definierten Zeiten angewiesen sind.


    Was Sie deshalb glauben müssen, wenn Sie nach homöopathischen Vorstellungen therapiert werden:

    Materie, die zu Arzneistoffen verarbeitet wird, verfügt neben ihren naturgesetzlich nachweisbaren Eigenschaften über eine geistartiges Wesenselement, dass aber außerhalb der Homöopathie weder Wirkung zeigt, noch nachgewiesen werden kann.

    Materie weiß, wann sie sich potenzieren (verstärken) darf und wann nicht.

    Komplexe Materie - Moleküle und Verbindungen aus ihnen - weiß, welche ihrer Bestandteile Heilwirkung haben, und damit potenziert werden sollen, sie weiß aber auch, welche Bestandteil unerwünscht sind, und nicht potenziert werden dürfen.

    Die Wirkung von Materie ist nicht an ihre Anwesenheit gebunden.

    Materie ist in der Lage, geistartige Eigenschaften an ein Lösungsmittel wie Wasser abzugeben. Wasser als Lösungsmittel ist in der Lage, diese Informationen dauerhaft zu speichern.

    Für alle genannten Konflikte hat die Homöopathie bis jetzt weder eine schlüssige Erklärung abgegeben, noch Nachweise erbracht, dass die Annahmen der Naturwissenschaften falsch wären, und damit die Hypothesen der Homöopathie richtig.

    Für ergänzende Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung.


    Pianoman
    Geändert von Pianoman (22.05.2007 um 00:14 Uhr)

  6. #6
    Laura
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Pianoman,

    Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen...

    Glauben wollen wäre die bessere Überschrift gewesen....

  7. #7
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Prinzipiell richtig der Einwurf, aber "glauben wollen" setzt voraus, dass kranke Menschen - trotz der damit verbundenen seelischen Ausnahmesituation - in der Lage sind, rational mit mit Diagnosen, Therapien und Heilsversprechen umzugehen und zum Fällen bewußter Entscheidungen in der Lage sind; und genau das ist leider allzu oft nicht der Fall.

    Natürlich ist der Mensch grundsätzlich für sich selbst verantwortlich, aber es ist nicht zu übersehen, dass besonders in der sozialen Beziehung Arzt/Heiler - Patient auch so etwas wie eine vorübergehende Entmündigung stattfindet. Zum Teil provoziert durch den Nimbus des charismatischen Heilers,genau so aber auch vom Patienten vollzogen, der sein "Schicksal" in andere Hände gibt.
    Ich bin immer wieder erstaunt über diese selbstgewählte Unmündigkeit, die sich besonders im Bereich der Komplementärmedizin zeigt.

    Pianoman

  8. #8
    Fühlt sich wohl hier Avatar von günni
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    ich selbst hatte am "himmelfahrtstag"

    so EXTREME darmkrämpfe, dass ich NUR NOCH ABHILFE bekommen wollte...egal wodurch...

    soetwas kann wohl auch bei ansonsten eher rational denkenden menschen, zu denen ich mich auch eher rechne, eiine frage des "leidendruckes" sein....?

    günni

  9. #9
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Genau günni,

    in solchen Extremsituationen ist die Bereitschaft, jedem, wirklich jedem Versprechen zu glauben, natürlich außerordentlich hoch.
    Und weil das so ist, gehört eben zum Heilerberuf auch diese besondere Ethik, den Menschen zu schützen (und deswegen vor unnützen Therapien zu bewahren).

    Im übrigen hoffe ich, dass Dir irgend etwas geholfen hat, was dann auch immer.

    Grüße
    Pianoman
    Geändert von Pianoman (24.05.2007 um 12:29 Uhr)

  10. #10
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    Standard AW: Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müsse

    Versteinerte Magie: Die Anthroposophische Heilkunde

    Heute möchte ich mit der „Anthroposophischen Heilskunde“ das zweite Verfahren der so genannten „Besonderen Therapieeinrichtungen“ (im Sinne des Sozialgesetzbuchs) beschreiben. Genau wie in der Homöopathie existieren keine Wirksamkeitsnachweise für die Verfahren und verwendeten Heilmittel, und genau wie die Anhänger Hahnemanns sind auch die Jünger von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, intensiv bemüht, ihre Heilsverfahren auch ohne Wirksamkeitsnachweise im Medizinbetrieb dauerhaft zu installieren.

    Während bei einer kritischen Betrachtung der Homöopathie vor allem vorgeworfen werden muss, dass sie sich - als geschlossenes Denksystem – den Entwicklungen der Naturwissenschaften seit über 200 Jahren verweigert, und damit auch ihre eigene Entwicklung in der realen Welt verhindert, so treffen wir bei einer Auseinandersetzung mit der Anthroposophie auf eine Wirklichkeitskonstruktion, die zwar im Zeitalter der aufgeklärten Wissenschaft gegen Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist, aber in ihren fundamentalen Erkenntnissen von der realen Welt in etwa soweit entfernt ist, wie der Herr der Ringe von einem geschichtswissenschaftlichen Lehrbuch.

    Die anthroposophische Heilkunde ist untrennbar mit der Figur ihres Begründers Rudolf Steiner (1861-1925) verbunden.
    Die Legende besagt, dass Steiners Welterklärungsmodell auf "primären Erfahrung der Welt des Seins hinter der sinnlichen Welt" beruht, was für die Heilkunde nichts anderes bedeutet, als dass das naturwissenschaftliche Fundament der Medizin um eine geistige Komponente erweitert wird, die durchzogen ist von Ideen und Begrifflichkeiten, die ihm angeblich in “mystischer Schau” offenbart wurden. Die wesentliche Quelle seiner metaphysischen Offenbarungen sind die so genannten Akasha-Chroniken, die man sich als fiktiven Wissenspool der Esoterik vorstellen muss. Zu den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften allerdings stehen alle seine Vorstellungen in diametralem Widerspruch.


    Der zentrale Gedanke der anthroposophischen Heilkunde ist die Wiederherstellung eines Gleichgewichtes der von Steiner postulierten “Äther-”, “Astral-” und “Ich-Leiber”, die den physischen Körper des Menschen in aurischen Hüllen umgäben. Bei der Therapie von Erkrankungen geht es deshalb nur unwesentlich um die Behandlung von Krankheitserscheinungen und deren materiellen Ursachen, sondern vielmehr um die Korrektur von Ungleichgewichten im Zusammenhang mit der universellen, kosmischen Existenz des Menschen.

    Neben heilpädagogischen, körperbezogenen Verfahren (Eurythmie u.a.), stehen den anthroposophischen Heilern dafür eine umfängliche Anzahl von pharmakologischen Heilmitteln zu Verfügung.

    Während sich die Wirksamkeit der nichtmateriellen, geistigen Heilverfahren einer naturwissenschaftlichen Diskussion entziehen, und deshalb vornehmlich von Psychologen oder Pädagogen beurteilt werden sollten, stellen die Medikament der Anthroposophie für die Naturwissenschaften ein wenigstens so großes Konfliktfeld dar, wie die Präparate der Homöopathie.


    Die Anthroposophischen Heilmittel:

    Die anthroposophischen Heiler verfügen über eine große Zahl spezifischer Medikamente aus pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Grundstoffen, die einer Reihe von rituellen Behandlungen unterzogen werden, bei denen nicht biochemische Reaktionen im Vordergrund steht, sondern energetische Umwandlung, Anreicherung oder Aufbereitung erzielt werden soll. Dafür werden die Grundstoffe nach eher alchimistischen Arbeitstechniken ausgepresst, getrocknet, gekocht oder verascht. Die Darreichung erfolgt in homöopathieähnlicher Aufbereitung und Verdünnung.

    Welche Pflanzen oder/und Mineralien als Grundstoffe genutzt werden, wird durch Analogie-Denken , durch Form- und Farbassoziationen und durch angenommene „kosmische Zusammenhänge“ bestimmt.

    Beispielsweise erfolgt die Zuordnung von Pflanzen zur Therapie von Erkrankungen der Leber über Farb- und Formassoziationen: Gelbe Löwenzahnblätter oder Javanische Gelbwurz etwa dienen als Therapeutika, weil ein mögliches Erscheinungsbild einer Lebererkrankung der Ikterus ist, der bekanntlich zu einer Gelbfärbung von Haut und Augen führt.

    Als bestes Beispiel für Analogie-Denken bietet sich die Mistel-Therapie im Rahmen onkologischer Behandlungen an. Die Anthroposophen erklären die Wirkung der Mistel wie folgt: Wie beim Krebs handle es sich auch bei der Mistel um einen Schmarotzer. Wie der Krebs, der sich dem normalen Zellwachstum widersetze, widersetze sich auch die Mistel den Gesetzen der Natur: sie blühe im Winter, berühre die Erde nicht und wachse nicht dem Sonnenlicht entgegen. Laut Steiner habe man "in den Kräften der Mistel das exakte Gegenbild zum Auseinanderweichen der Wesensglieder beim Entstehen der Krebskrankheit vorliegen, ein wirklich kausales Heilmittel", denn: "Die Mistel übernimmt als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, dass sie die psychische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-Sich-Zerfallen.".


    Ebenfalls von Bedeutung soll die indikations- und geschlechtsbezogene Auswahl der Wirtsbäume sein, von denen die Misteln geerntet werden: Zur Behandlung von Karzinomen des Urogenitaltraktes werden bei männlichen Patienten Misteln von Eichenbäumen verwendete, bei weiblichen Patienten dagegen von Apfelbäumen. Auf Linden wachsende Misteln seien geeignet bei Nieren- und Lungentumoren, Eschenmisteln bei Leukämie und Knochenkrebs.

    Anmerkung zur Misteltherapie: Ein in meinen Augen absolut verantwortungsloses und unethisches Verhalten der Anthroposophischen Heiler besteht darin, regelmäßig "Präkanzerosen" (= Vorstadium eines Krebses) als Ergebnis eines völlig absurden “Blutkristallisationstest” zu diagnostizieren. In der Folge dieser angsterzeugenden Diagnose wird den Patienten in der Regel und rein vorsorglich zu Mistelinjektionen geraten. Mit den meisteingesetzten Präparaten “Iscador” (Weleda) und “Iscucin” (Wala), werden dadurch Millionenumsätze erzielt.

    Analoges Denken verrät sich auch bei der Verwendung von Tieren und oder tierlichen Körperteilen. Hier sollen sich Lebensäußerungen des Tieres im Heilmittel manifestieren.
    Präparate aus Insekten wie Bienen, Wespen oder Ameisen werden hergestellt, in dem die Tiere lebend zerkleinert werden, um ihre "Lebenskraft" in das Medikament zu übertragen. Daneben finden auch Schlangengifte, Krötensekrete, Sepia-Tinte, Haifisch- oder Rindergalle, Horn oder Maulwurfshaare ihren Weg in Heilmittel.

    „Kosmische Zusammenhänge außerirdischer Natur” vermutet Steiner beispielsweise bei der Kreuzspinne. Da mit ihr die astralischen Kräfte angeregt werden könnten, die sich besonders in den Lebensprozessen des Bewegungsapparates äußerten, ist der Einsatz von Kreuzspinnenpräparaten bei Muskelerkrankungen sinnvoll.

    Ganz besonders äußert sich das „Denken in kosmologischen Zusammenhängen“ bei der Herstellung der Präparate aus Metallen . Hier finden die metallischen Elemente Verwendung, die in rein mystischer, astrologischer Denkweise den Himmelskörpern des “inneren Planetensystems” zugeordnet werden: Blei, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber, Silber und Zinn. Das „Wesen“ der Metalle ist jeweils mit einer Pflanze, einem menschlichen Organ, einem Planeten und einem Tierkreiszeichen verbunden.

    Danach ist Eisen mit der Brennnessel, der Galle, dem Mars und dem Tierkreiszeichen Widder verbunden, was eisenhaltige Präparate zur Behandlung von Gallenproblemen indiziere. Silber hingegen ist als Mondmetall bei Störungen des Mondorgans angezeigt: des Gehirns.

    Neben Präparaten mit Metallen in “natürlicher” Form werden bevorzugt solche mit “"vegetabilisierten Metallen” eingesetzt.
    Streng nach den Vorgaben Steiners werden hierbei die zur Rede stehenden Metalle aufwendigen Glüh-, Abrauch- und Fällungsprozessen ausgesetzt, bis nur noch poröse Rückstände übrig bleiben.
    Aus diesen Verarbeitungsrückständen wird ein “Urdünger” hergestellt, der in einer Wasserverdünnung von 1:1.000.000 auf die Saat einer entsprechenden Heilpflanze ausgebracht wird. Johanniskraut beispielsweise wird mit Gold-Urdünger behandelt, Brunnenkresse mit Quecksilber, Wegwarte mit Zinn, oder Brennnessel mit Eisen.
    Nach der vollen Entfaltung der Pflanze werden die oberirdischen Teile (unter Beachtung von Mondphasen und astrologischen Planentenkonstellationen) abgeschnitten, gehäckselt und in der Sonne angewelkt; anschließend werden sie mit reifer Gartenerde vermischt und in Tontöpfen kompostiert. In einer zweiten Stufe wird der so erhaltene Kompost auf eine neue Saat ausgebracht, deren voll entfaltete Pflanzen derselben Prozedur unterworfen werden wie die Pflanzen der ersten Stufe. Der Vorgang wird noch ein drittes mal wiederholt. Die in der dritten Stufe, sprich: nach drei Jahren “ganz vom Metallprozess durchdrungenen" Pflanzen werden zu homöopathieähnlichen Lösungen und Injektionsmitteln aufbereitet. Kamillenvegetabilisiertes Kupfer beispielsweise ist unverzichtbar bei der Therapie von Blähungskoliken. Ackerschachtelhalmvegetabilisiertes Gold wird zur Behandlung von Niereninsuffizienz und Herzmuskelschwäche genutzt.

    Auch Präparate mit “animalisierten” Metallen werden verwendet, hergestellt in gleichermaßen ritualisierter Form aus den Organen von Schlachttieren - meist junge Rinder, Schweine oder Schafe -, denen zu Lebzeiten entsprechende Metalle verabfolgt worden waren.

    Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Zuordnung der einzelnen Präparate beziehungsweise der darin enthaltenen Stoffe zu bestimmten Störungen oder Erkrankungen rational nicht nachvollziehbar und naturwissenschaftlich durch nichts belegt ist. Wie Szenekritiker Klaus Bock schreibt, hätten es die Anthroposophen “seit über sechzig Jahren nicht fertig gebracht, für ihre Mistelpräparate einen den Kriterien der wissenschaftlichen Medizin genügenden Wirksamkeitsnachweis zu erbringen”.
    Ähnlich wie die Mittel der Homöopathie unterliegen auch die Mittel der anthroposophischen Heilkunde einer arzneimittelgesetzlichen Ausnahmeregelung: ihre Wirkung muß nicht anhand der wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen werden, die Maßstab der Zulassung jedes anderen Medikaments sind. Eine klinisch-kontrollierte Arzneimittelprüfung außerhalb des anthroposophischen Binnenkontexts findet nicht statt. Auch Nebenwirkungen, beispielsweise der verwendeten Blei- und Quecksilberpräparate, werden nicht kontrolliert überprüft. Angegeben Wirkungsmechanismen genügen bestenfalls den Anforderungen des anthroposophischen Binnenkontexts. Mit naturwissenschaftlich begründeter Pharmakologie haben sie nichts zu tun.

    Bezeichnend ist auch das Krankheitsverständnis anthroposophischer Medizin, in dem sich die schon weiter oben angesprochenen esoterisch-okkulten Sichtweisen darstellen. Zentrale Ursachen für Erkrankungen sind immer auch im Karma zu finden. Die Wurzel einer Krankheit kann im vergangenen Erdenleben liegen. Da Karma aus der Vergangenheit wirkt, sind Ärzte gegen bestimmte Schicksalsbestimmung machtlos.
    Erstaunlich ist auch die Auffassung von Leid und Schmerz. Nach Steiner erzeugt das Erleben von Krankheit und damit verbundenem Schmerz den Antrieb, das in früheren Leben Versäumte nachzuholen, auch wenn dies in diesem Leben nicht mehr möglich ist. Man nimmt es als starken Impuls mit in das nächste Leben. Dort erscheint es dann als Fähigkeit, das Versäumte nachzuholen, das heißt unter Umständen als Begabung, dies zu lernen.
    Welche Konsequenzen sich daraus für die Schmerztherapie der Anthroposophen ergeben, überlasse ich der Spekulation des Lesers.

    Was Sie deshalb glauben müssen, wenn Sie nach anthroposophischen Vorstellungen therapiert werden:

    Der Mensch besteht aus einen dreiteiligen Leibsystem, dessen Ungleichgewicht die Ursache von Krankheiten ist. Ziel jeder Therapie ist die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts.

    Analoges oder assoziatives Denken und kosmisches Bewusstsein eignen sich zur Entwicklung von Medikamenten.

    Die gegenwärtige Biographie eines Menschen ist das Ergebnis karmisch wirksamen Verhaltens in früheren Leben, wirkt aber auch karmisch auf die nächsten Leben.
    Krankheiten können Folgeerscheinungen von Fehlverhalten in früheren Leben sein und dazu dienen, alte Schuld abzutragen, oder sie bereiten auf die nächste "Wiedergeburt" vor.
    Also ist der kranke Mensch immer auch schuldig an seinem Zustand. Schuld ist dabei das, was Steiner zur Schuld erklärt hat. Es gibt von Steiner aufgestellte Schuldeslisten. Anhand dieser Listen kann sich der anthroposophische Arzt orientieren, welches Karma er denn nun gerade vor sich hat, und welche Maßnahmen die Erfüllung dieses Karmas unterstützen.

    Zwischen innermenschlichen Prozessen und übergeordneten kosmologischen Prinzipien bestehen kausale Verbindungen (Hermeneutische Denkweise -Wie oben, so unten...).

    Bei der Arzneimittelfindung spielen nicht die naturwissenschaftlich nachweisbaren Ursachen und deren Beseitigung die wesentliche Rolle, sondern die Erkenntnis der Beziehungen zwischen innermenschlichen organischen Prozessen und Natursubstanzen, wie sie z.B. sich unter den oben genannten Gesichtspunkten der Dreigliederung ergibt.

    Der Konflikt mit den Natur- und Geisteswissenschaften:

    Ganz allgemein gibt es nicht den geringsten Anlass, Rudolf Steiners zu großen Teilen aus Versatzstücken unterschiedlichster esoterischer Denkströmungen zusammenphantasiertes Wirklichkeitskonstrukt als satisfaktionsfähiges Welterklärungsmodell zu akzeptieren.

    Aus naturwissenschaftlicher Sichtweise sind folgende Widersprüche aufzuzeigen:

    Die Anthroposophie nimmt kosmische Kräfte in ihren Präparaten an. Diese kosmisch-ätherischen Kräfte sind der Physik als Bestandteil der Materie völlig unbekannt und konnten außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen werden.

    Während der Medikamentenherstellung werden rituelle Prozesse hinsichtlich Wärme- und Kältezufuhr zu bestimmten Tageszeiten vollzogen. Die Wärmebehandlung im Tagesrhythmus übt einen zentralen Einfluss auf das Medikament aus.
    Die Physik kennt hingegen keine Abhängigkeit der physikalisch-chemischen Abläufe von der Tageszeit. Wenn der Belladonnasaft weiß, wieviel Uhr es ist, dann ist die gesamte Wissenschaft seit Galilei grob unvollständig.

    Bei der Vegetabilisierung/Animalisierung von Metallen geht die Anthroposophie davon aus, dass metallische Elemente über ein rituelles Verfahren bestimmte Eigenschaften von Pflanzen oder Tieren übernehmen.
    Wenn dieses Verfahren wirkt, ist die Physik grob unvollständig, weil sie eine Veränderbarkeit grundsätzlicher atomarer Eigenschaften von Elementen durch den Stoffwechsel von Pflanzen oder Tieren nicht kennt. Außerdem sind die gesamte Naturwissenschaft und Schulmedizin seit Galilei grob unvollständig, da sie Zusammenhänge zwischen Metallen, Pflanzen, Organen, Planeten und Tierkreiszeichen nicht kennen.

    Weiterhin behauptet die Anthroposophie, Materie - besonders aber auch Wasser - könne durch rituelle Verfahren mit fiktiven kosmischen Energieformen energetisiert werden.
    Der Physik ist kein Verfahren bekannt, dass zu einer anderen energetischen Qualität von Wasser führt. Abgesehen davon, dass diese Eigenschaft der Materie völlig unbekannt und außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen werden konnte, würde der zum Beispiel der Nachweis, Wasser könne „energetisiert“ werden, die Physik als grob unvollständig erweisen. So ein Nachweis, der auch die Homöopathie auf einen gesicherten Boden stellen könnte, ist bisher ausgeblieben.

    Den Naturwissenschaften ist eine Unterteilung des Menschen in vier Wesensglieder mit unterschiedlichen Funktionen für den Organismus völlig unbekannt. Daraus entstehende Konsequenzen für die menschliche Existenz sind außerhalb der Anthroposophie bisher nicht beobachtet oder anders nachgewiesen worden.



    Die Auflistung ist nicht vollständig. Aber jede tiefergehende Auseinandersetzung mit Steiners Weltmodell würde den Rahmen dieses Forums bei weitem sprengen.

    Wie üblich stehe ich auch bei diesem Thema für zusätzliche Fragen zur Verfügung.

    Pianoman
    Geändert von Pianoman (30.05.2007 um 02:19 Uhr)

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  3. Wieso glauben die meisten nicht an "Gott"?
    Von scottmonitor im Forum Chat Ecke
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