Hi alle,
dann erzähle ich auch mal:
Von Geburt an litt ich unter schwerer Verstopfung. Meine Mutter war mit mir deshalb zum ersten Mal beim Kinderarzt, als ich knapp 3 Wochen alt war. Unzählige Male sollten folgen. Die Standardempfehlungen: ballaststoffreich essen, viel trinken und viel bewegen. Naja, was soll ich sagen: Half eh nicht.
Alle Kinderkrankheiten, die ich hatte, arteten heftig aus. Sämtliche Virusinfektionen entwickelten sich sofort zur Super-Infektion mit z.T. heftigen Folgen (Meningitis, Nephritis). Kein Arzt konnte sich einen Reim draus machen.
Mit 17 Jahren hatte ich nach einer banalen Erkältung erstmals eine eitrige Pan-Sinusitis. Vom damaligen Hausarzt wurde nix untersucht. Er verwies mich der Praxis mit den Worten, im Wartezimmer säßen viele wirklich kranke Leute, ich solle ihm nicht die Zeit stehlen, ich hätte wohl banalen Heuschnupfen und solle mich nicht so haben.
Ich war davon so geschockt, dass ich 3 Jahre lang zu keinem einzigen Doc mehr ging. Irgendwann hielt ich es echt nicht mehr aus und ging zum HNO. Der stellte sofort eine chronisch-eitrige Pansinusitis fest. Der Röntgenbefund war ebenfalls eindeutig.
In den Folgejahren war ich Stammgast beim HNO. Meine Nebenhöhlen wurden 'zig Mal punktiert und zweimal operiert. Außerdem bekam ich immer wieder Antibiotika. Es besserte sich absolut nix. Ich bekam nun auch gehäuft Lungenentzündungen. Meine Verdauung war schon seit vielen Jahren nur noch mittels Abführmitteln und Einläufen zu meistern.
Als ich Mitte 30 war, kamen zunehmende Gelenkprobleme hinzu. Anfangs schob ich das auf Überlastung (Sehnenscheidenentzündungen, Tennisarm, Fingerprobleme). Leider häuften sich die Schübe. Nach meiner 5. gescheiterten Schwangerschaft (1998) bat ich meinen Hausarzt (Internist), auf rheumatoide Arthritis hin zu untersuchen. Ergebnis: "Sie haben keinen Rheumafaktor, also haben Sie auch kein Rheuma."
1999 bekam ich Pfeiffersches Drüsenfieber, worauf ein mehrmonatiger Rheumaschub folgte. Es ging einfach gar nix mehr, und ich sah mich schon als 100%igen Pflegefall im Rollstuhl. Mein neuer Hausarzt schickte mich endlich zu einem internistischen Rheumatologen. Diagnose: Rheumatoide Arthritis und Psoriasisarthritis. Dank Cortison als allererste Maßnahme ging es mir schnell besser.
Zunehmenden Kummer hatte ich aber weiterhin mit meiner inzwischen so gut wie nicht mehr funktionierenden Verdauung (trotz Einläufe nur ca. alle 2,5-3 Wochen mal Stuhlgang mit etlichen Zusatzproblemen) und mit fast ständig eitriger Bronchosinusitis, die zwischenzeitlich auch mal in die Augenhöhle durchgebrochen war, für eine Orbitalphlegmone, Sehnervenentzündung und beginnende Meningitis sorgte. 2 Wochen Intensivstation im KH Kufstein ...
Ab 2003 war ich abwechselnd in der Mangel von Koloproktologen, HNO und Rheumatologen. Mir stand's bis oben hin. Da alle Koloskopien wegen Undurchdringlichkeit meines Dickdarms abgebrochen werden mussten, mein Dicki aber voller grenzwertiger Polypen war, wurden endlich eine Irrigoskopie (Doppelkontraströntgen des Dickdarms) und eine Colon-Transit-Untersuchung gemacht. Danach ging's plötzlich flott.
Innerhalb von 3 Tagen bekam ich wegen Verdacht auf Morbus Hirschsprung/Darmlähmung die Einweisung in die Chirurgische Uniklinik Innsbruck (Jan. 2004), wo nach 1 Woche mit Magensonde, ohne feste Nahrung (aber täglich 3 l CleanPrep) von Prof. Königsrainer eine subtotale Kolektomie mit End-zu-End-Anastomose gemacht wurde.
Hätte gut gehen können, ging aber nicht gut. Nach 5 Tagen wurde ich wegen 4-Quadranten-Peritonitis und Sepsis erneut operiert. Mein Bauch enthielt 6,5 l eitrig-kotiges Sekret, mein 20-25 cm langer Restdickdarm war bereits in Verwesung begriffen. Während der Not-
OP wurden der Restdickdarm, ein Stück angegriffenen Dickdarms und der größte Teil des Mastdarms entfernt. Ich bekam ein endständiges Ileostoma.
In der Folgezeit magerte ich bis auf 37 kg ab (167 cm groß), ich bekam noch eine Lungenentzündung und einen grausigen Rheumaschub. Zudem platzte mein Bauch nach 10 Tagen über ca. 20 cm wieder auf. Mir stand's damals echt bis ganz oben.
Die Geschichte ging natürlich noch weiter, aber das ist jetzt eher unwichtig. Ich überlebte, das war erst mal wichtig. Außerdem (das Wichtigste!!!) sind seit der totalen Colektomie sowohl meine Psoriasis (hatte ich seit dem 8. Lebensjahr) wie auch meine chronisch-eitrige Bronchosinusitis wie weggeblasen. Seit den OPs 2004 hatte ich genau 2 banale Erkältungen, die beide innerhalb 1 Woche gegessen waren. Meine letzte Erkältung liegt mehr als 1,5 Jahre zurück.
Endlich komme ich zum eigentlich Thema: Meine Geschichte hat mich äußerst robust gemacht, es hat mein Selbstwertgefühl stabilisiert, ich bin viel genussvoller und lässiger als früher. Früher fühlte ich mich ständig bemüßigt, der Welt etwas beweisen zu müssen. Meine Schwerpunkte sind heute ganz anders, weil ich weiß: Ich muss niemandem etwas beweisen. Alles in allem sehe ich für mich persönlich eher eine positive Entwicklung.
So, ich hoffe, es ist beim Lesen niemand eingeschlafen. Es war mir aber ein Bedürfnis, dies mal niederzuschreiben. Für alle, die bis zum Schluss durchgehalten haben: Vielen Dank für Eure Geduld!
Liebe Grüße von
Angie