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Alt 18.07.2007, 10:54   #3 (Permalink)
Pianoman
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Standard AW: Süchtig nach Esoterik - Dieser Beitrag ist 407 Tage alt

Hallo Alayna,

obwohl Wikipedia als Informationsquelle nicht die allein bedeutsame Referenz-Enzyklopädie ist, nehme ich Ihre Anmerkungen auf.

Bei Wikipedia lese ich im Rahmen einer ethymologischen Deutung, dass der Begriff Esoterik sich vom Adjektiv im antiken Griechenland zum Substantiv in der europäischen Neuzeit gewandelt hat.
(Die damit verbundenen Bedeutungswandlung habe ich schon in einem anderen Beitrag - Wahn oder Sinn? Was Patienten bei "alternativen" Therapien so alles glauben müssen / Nr.14 "Von der Verdummung der Gesellschaft..." - beschrieben.)

Wenn ich also Esoterik als Begriff benutze, dann in etwa in der Bedeutung, die Wikipedia wie folgt definiert:

Zitat:
Heute wird der Begriff „Esoterik“ zumeist zusammenfassend für ein breites Spektrum verschiedenartiger Weltanschauungen gebraucht, welche die spirituelle Entwicklung des Individuums betonen, jedoch durch keine organisierte Religion oder religiöse Konfession im engeren Sinn als Glaube vertreten werden. Ein verwandter Sammelbegriff ist „New Age".

Den sich teilweise deutlich unterscheidenden oder sogar widersprechenden Lehren, die unter den Begriff „Esoterik“ fallen, ist gemeinsam, dass sie die Existenz von Phänomenen außerhalb des wissenschaftlich erfassbaren postulieren und sowohl naturwissenschaftliche als auch konfessionell religiöse Betrachtungsweisen als nicht ausreichend ansehen, um die Welt vollständig erklären zu können.

Bei meinem Eröffnungsbeitrag ging es keineswegs ausschließlich um Sekten oder neue Religionen; sie sind auch nur ein Aspekt der Esoterik. Wikipedia schreibt dazu:

Zitat:
Esoterische Weltanschauungen beziehen sich meist auf fünf Bereiche:

Praktische Entscheidungshilfen für die Lebensplanung, teilweise auch für Alltagsentscheidungen: In diesen Bereich fallen vor allem Techniken wie Astrologie, Tarot, Pendeln oder Handlesen.

Selbsterkenntnis: Manche Anhänger der Esoterik versuchen, ihren Charakter und ihre Bedürfnisse mit Hilfe esoterischer Welterklärungskonzepte zu bestimmen, vor allem mittels der verschiedenen Varianten der Astrologie.

Medizinische Hilfe: Mit Techniken der alternativen Medizin wird versucht, das körperliche und seelische Wohlbefinden zu verbessern, zum Beispiel mit Aromatherapie, Bach-Blütentherapie, Reiki, oder Homöopathie. Die Esoterik nimmt sich dabei vor allem Bereichen an, die die klassische Medizin nicht abdeckt (zum Beispiel ‚Hilfe beim Wohlfühlen‘) oder in denen deren Erfolge als unzureichend empfunden werden, wie bei der Behandlung chronischer Schmerzen, aber auch bei akuten Krankheiten.

Spirituelle Hilfe: Die meisten esoterischen Richtungen postulieren das Vorhandensein einer unsterblichen menschlichen Seele und befassen sich mit Wegen, deren Schicksal zu verbessern. Bei vielen dieser Richtungen kommen Konzepte indischer Religionen wie Karma und Reinkarnation vor. Häufig wird gelehrt, dass eine ‚Reinigung‘ oder eine ‚Erleuchtung‘ des Anhängers nötig sei, um in dieser Welt oder nach dem Tod einen besseren Zustand zu erreichen.

Verbesserung der Welt insgesamt: Unter manchen esoterischen Richtungen ist die Ansicht verbreitet, dass man durch Verhalten entsprechend esoterischer Lehren die Welt insgesamt grundlegend verändern und somit verbessern könne. Solche Ansichten sind Grundlage der "New Age"-Bewegung, die ein neues Zeitalter, etwa das "Wassermannzeitalter" angebrochen sieht oder erwartet. Entsprechende Auffassungen vertritt beispielsweise Fritjof Capra

Der angesprochene Suchtfaktor der Esoterik ist -so zeigen eben die Hinweise der Sekten-Beauftragten (die nicht nur für ausgewiesene Sekten, sondern für die gesamten Probleme im Zusammenhang mit esoterischen Denkmodellen zuständig sind) vor allem dort zu finden, wo Menschen ihre Lebensplanung und die Strategien Alltagsbewältigung, ihre sozialen Kontakte und die Art ihrer Kommunikation, massiv oder ausschließlich von irrationalen, okkult-esoterischen Verfahren abhängig machen.

Wenn astrologische Vorhersagen, Tarot-Karten oder Pendel die Entscheidungen übernehmen, welcher Lebenspartner gewählt wird, welcher Urlaubsort angesteuert wird, oder ob und wie eine wirtschaftliche oder politische Entscheidung gefällt wird, muss man von einem Verlust der Eigenverantwortung bzw. von einer Abhängigkeit (im Sinne einer Sucht) sprechen.

Hierzu schreibt Wikipedia unter dem Begriff "Sucht":

Zitat:
Der Begriff Abhängigkeit steht in der Medizin und klinischen Psychologie für das unabweisbare Verlangen nach bestimmten Stoffen oder Verhaltensformen, durch die ein kurzfristig befriedigender Erlebniszustand erreicht wird. Diesem Verlangen werden nach Verständnis der Weltgesundheitsorganisation die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und kann die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums beeinträchtigen oder zerstören, was sehr häufig der Fall ist. Abhängigkeit wird von der WHO als Krankheit eingestuft und nicht als Willen- oder Charakterschwäche.

(Anmerkung: Auch die Befriedigung über eine gefällte Entscheidung in schwierigen, konfliktträchtigen Lebensfragen gehört zu den befriedigenden Erlebniszuständen. Wobei die Definition von "schwierig/konfliktträchtig" natürlich von der seelischen Disposition des Betroffenen abhängig ist. Deshalb auch der Hinweis auf Lebenskrisen.)

Ich hoffe, dass jetzt deutlich wurde, dass sich Sucht oder Abhängigkeit lange nicht auf eine Sektenzugehörigkeit beschränkt, sondern sich genau so und vielleicht viel mehr noch in der Nutzung den weniger spektakulären Verfahren darstellt, deren Zielrichtung die "Hilfe" bei der Bewältigung des Alltags ist.
Insoweit ist es naiv, Gefahren nur dort zu sehen, wo die Aufgabe einer bürgerlichen Existenz und die Zuwendung zu einer totalitären Religionsgemeinschaft unübersehbar ist.

Pianoman

PS.: Ich gestatte mir noch eine Replik: Googlen hilft auch nur, wenn man weiterliest...

Geändert von Pianoman (18.07.2007 um 14:22 Uhr).
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